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Generalinventur

Faszination Radierung

Das Historische Museum Basel beherbergt in seiner Sammlung bekanntermassen eine grosse Bandbreite an Objekten aus verschiedenen Materialien. Darunter befinden sich auch zahlreiche Graphiken.

Ein grösseres Konvolut bilden dabei druckgraphische Werke der Stocker-Nolte-Stiftung. Die Stiftung wurde von Frau Dr. Edith Stocker-Nolte (1900-1979) gegründet und verfolgt das Ziel, die aus dem privaten Nachlass stammenden Kunst- und Haushaltsgegenstände zu erhalten. Seit 1982 befinden sich die über 4‘000 Objekte als Deposita (Dauerleihgaben) im Historischen Museums Basel, wo sie von Zeit zu Zeit ausgestellt werden.

Anfänge der Radierung

Die Anfänge der Druckgraphik liegen im 15. Jahrhundert. Die Entwicklung der Tiefdrucktechnik beruht auf der Gravur-Technik des Goldschmiedehandwerkes, das in weiten Teilen der Welt schon zu vorchristlichen Zeiten Anwendung gefunden hatte und beispielweise für die Dekoration von Metallarbeiten in Byzanz eingesetzt worden war.

Das Radieren von Druckplatten wurde in Augsburg seit Ende des 15. Jahrhunderts praktiziert und erreichte in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts seine vollausgereifte, professionelle Form. Somit schufen Künstler:innen, unter ihnen auch bekannten Altmeister, während des 15. – 16. Jahrhunderts mit Kupferstich und Radierung eine eigenständige Kunstgattung, die bereits im 16. Jahrhundert bei Künstler:innen sowie Sammler:innen auf Anerkennung und Begeisterung stiess.

Basel und sein renommiertes Papier

Dass Basel eine der wichtigsten Produktionsstätten für handgeschöpftes Papier im Mittelalter war und die Basler Papiere einen vorzüglichen Ruf genossen, ist wohlbekannt. Der enorme Papierverbrauch des Basler Konzils (1431 – 1449) führte dazu, dass die erste Papiermühle in Basel, welche den Namen "Zu Allen Winden" trug, 1433 von Heinrich Halbeysen (ca. 1390 – 1451) etabliert wurde. Papiere von Halbysen lassen sich beispielsweise in frühen Inkunabeln aus Deutschland und Frankreich finden.

In der nachfolgenden Zeit etablierten sich immer mehr Papiermühlen und bildeten im St. Albantal das sogenannte kleine Papiermühlenrevier. Der Baslerstab, der Basilisk wie auch die Narrenkappe bilden dabei die bekanntesten Motive der Basler Wasserzeichen, welche sich beispielweise im druckgraphischen Œuvre Rembrandts finden lassen und die Reichweite der handgeschöpften Basler Papiere veranschaulichen und gleichzeitig auf die Basler Herkunft verweisen.

Der Export von Basler Papier stieg im Laufe des 16. Jahrhunderts immer mehr und erreichte im 17. Jahrhundert seinen Zenit. Als Trägerpapier für Tiefdrucke wurde zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert fast ausschliesslich europäisches, handgeschöpftes Vergé-Papier, auch geripptes Papier genannt, verwendet. Die Verwendung von rippenlosem Velinpapier wurde ausgehende von seiner Entwicklung in England ab der Mitte des 18. Jahrhundert vermehrt eingesetzt.

 

Zwei Beispiele von Radierungen aus der Stocker-Nolte-Stiftung

Die Inventis inventarisieren nun seit ungefähr drei Monaten die Objekte im Depot am Steinenberg und sind seit kurzem bei den druckgraphischen Werken der Stocker-Nolte-Stiftung angelangt. Exemplarisch möchte ich zwei meiner Favoriten vorstellen.

 

HMB, Radierung, Porträts von zwei Trachtenmädchen, Inv. Nr. 1982.5709., Foto: Natascha Jansen.
HMB, Radierung, Vue intérieure de l’Eglise de-Apocalipse, Inv. Nr. 1982.5687., Foto: Natascha Jansen.

Bei beiden Werken handelt es sich um Radierungen, welche auf handgeschöpftem Vergé-Papier gedruckt wurden. Durch die feine und differenzierte Anordnung der schwarzen Linien - drucktechnologisch gesehen handelt es sich dabei um Verletzungen der Druckplattenoberfläche - gelang es den Künstler:innen, Licht und Schatten, Plastizität und Körpervolumen zu erzeugen. Stoffliche Eigenschaften von Gegenständen, geben so das atmosphärische Ambiente subtil wieder, wie am Beispiel des Werkes Vue intérieure de l’Eglise de-Apocalipse ersichtlich wird. Die für die Radierung ebenso typische lockere, skizzenhafte Linienführung, welche bei den Betrachtenden die Erinnerung an Federzeichnungen evoziert, kann ausgezeichnet anhand des Werkes Porträts von zwei Trachtenmädchen nachempfunden werden. Diese Radierungen lässt sich dank der Signatur auf den bekannten Schweizer Genre- und Portraitmaler Franz Nikolaus König (1765-1832) zurückführen, der das Werk 1799 fertigstellte.

 

Nachtrag 20.3.2023
Die Vorlage für die Radierung basiert auf einer Abbildung aus der 1782 publizierten «Voyage pittoresque de la Grèce» des Grafen de Choiseul-Gouffier (1752-1817), die spiegelverkehrt übertragen wurde. Die Abbildung zeigt die "Höhle der Apokalypse" auf der Insel Patmos.

16. März 2023 – Tijana Cvijetić

Tijana Cvijetić arbeitet als Inventi in der Generalinventur. Sie ist Konservatorin-Restauratorin für Graphiken und Zeichnungen und Graphikliebhaberin.

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Kommentare

Kommentare (3)

  • Mirco Melone
    am 20.03.2023
    Besten Dank für Ihre spannenden Hinweise! Wir haben den Beitrag um einen kurzen Nachtrag ergänzt. Die Bildlegende war zwar korrekt betitelt, im Text hatte sich aber noch ein Fehler eingeschlichen, der nun ebenfalls korrigiert ist.
  • Gian-Enrico Rossi
    am 19.03.2023
    Siehe auch meine weiteren Kommentare zu diesem Bild auf Facebook, die ich unter dem Namen "Bibel und Barock" verfasst habe ("Vue intérieure" anstatt "Une intérieure" und Quellenangabe zur mutmasslichen Vorlage der Radierung)
  • Gian-Enrico Rossi
    am 18.03.2023
    In Paris gab es niemals eine Eglise de l'Apocalypse! Das Bild stellt die "Höhle der Apokalypse" auf der Insel Patmos dar, vgl. https://en.wikipedia.org/wiki/Cave_of_the_Apocalypse

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