Der Werkzeugschrank von Martin Scholz – ein Leben in Holz, Metall und Klang
Wer den Werkzeugschrank von Martin Scholz öffnet, tritt für einen Moment in seine Werkstatt ein – in jene konzentrierte Welt, in der aus Holz, Metall, Leim und Federkielen Klang entsteht. Die Werkzeuge erzählen von Präzision, Geduld und einem Leben, das den historischen Tasteninstrumenten gewidmet war.
Martin Scholz, 1911 im thüringischen Eisenberg geboren, gehört zu den Persönlichkeiten, die den Instrumentenbau des 20. Jahrhunderts prägten. Nach seiner Ausbildung bei der Firma Ammer – dem ersten Unternehmen, das Cembali serien - mässig herstellte – arbeitete er an verschiedenen Orten, bevor er 1939 Restaurator im Staatlichen Musikinstrumenten-Museum Berlin wurde.
Auf den Spuren alter Instrumente
Auf den Spuren alter Instrumente Nach dem Krieg führte ihn sein Weg kurz zurück zu Ammer und dann in die Sammlung Wilhelm Rück in Nürnberg. Hier restaurierte und verglich er alte Instrumente, vertiefte sein Verständnis und schärfte seinen Blick. Über Rück kam der Kontakt nach Basel zustande: Paul Sacher (1906– 1999) suchte für die Schola Cantorum Basiliensis einen Restaurator mit fundierten Kenntnissen alter Instrumente und lernte auf diesem Weg Scholz kennen. 1955 führte dieser Austausch Scholz nach Basel, wo er die Leitung der neu eingerichteten Werkstatt für historische Tasten - instrumente der Firma Hug an der Freien Strasse übernahm → Abb. 1. Ein Ort, der für viele Musikbe - geisterte zur Pilgerstätte wurde. Bei Hug beschränkte man sich nicht auf Restau - rierungen, sondern baute auch Neues, darunter das Konzertcembalo «Martin Scholz». Die Nach - frage nach den Neubauten war bemerkenswert. So ging auf Initiative Herbert von Karajans (1911– 1989) ein Exemplar an die Berliner Philharmoniker, und auch Kundinnen und Kunden aus Brasilien, Portugal und den USA bestellten die Basler Instrumente. Die Nachfrage war so gross, dass die Lieferzeiten bis zu zwei Jahre betragen konnten.
Ein treuer Begleiter
Scholz’ Werkzeugschrank → Abb. 2, der sich heute im HMB befindet, dürfte dem Instrumentenbauer schon seit frühen Jahren ein treuer Begleiter gewesen sein.1 Ein Teil der Werkzeuge, wie ein Staubreiniger nach Patent Kraushaar → Abb. 3 oder ein Leimkocher, stammt aus dem Eisenberger Handelshaus Ernst Escher, das in den 1920er- und 1930er-Jahren alles Nötige für den Instrumentenbau lieferte. Der Katalog der Firma, ebenfalls aus Scholz’ Besitz und heute in der Sammlung des HMB, liest sich wie ein Kompendium des Handwerks: feinste Zangen, Richtwerkzeuge, Reparatursets im Lederetui oder Sonderanfertigungen auf Bestellung. Für Scholz waren diese Dinge keine Sammlerstücke, sondern die notwendige Grundausstattung seiner täglichen Praxis. Scholz fertigte aber auch eigenes Werkzeug an, so z. B. ein «Saitenausstreichholz» zum Glätten verdrillten Drahts oder einen Stimmbalg → Abb. 4. In einer kleinen Schachtel bewahrte er Kolkrabenfedern auf, aus denen er die Kiele zum Anreissen der Saiten schnitt. Da der Kolkrabe in der Schweiz unter Naturschutz stand, liess sich Scholz regelmässig ganze Flügel aus dem Ausland schick
Letzte Werkstatt, bleibendes Erbe
1976 zog sich Scholz mit seinem Eintritt in den Ruhestand bei Hug zurück und richtete sich an seinem Wohnort am Leonhardsberg 14 eine kleine Werkstatt ein. 1985 verstarb er nach kurzer, schwerer Krankheit. Sein Werkzeugschrank ist mehr als ein Möbelstück. Er trägt die Spuren von Wissen, Routine und Neugier und gibt dadurch Zeugnis von einem Mann, der mit seinen Händen Klang formte, Basel mit der Welt verband und die Welt auch ein Stück weit nach Basel brachte.