Objekt 427
György Ligeti, Brief an Sándor Weöres, 8. November 1972
Beschreibung
Lieber Sándor,
Vor einigen Jahren hat der schwedische Musikwissenschaftler Ove Nordwall meine alten und unveröffentlichten Kompositionen gesammelt, darunter mehrere Lieder und Chorstücke, die zu Deinen Gedichten geschrieben wurden. Zwei der Lieder für Sopran und Klavier wurden von Dorothy Dorow, einer in Stockholm lebenden englischen Sängerin, auf Ungarisch gesungen («Kalmár jött nagy madarakkal» und «Táncol a hold fehér ingben») und in jüngerer Zeit von Ilona Varga, die ebenfalls in Stockholm lebt. Zwei der Chöre («Éjszaka» und «Reggel») wurden von dem sehr guten Schwedischen Rundfunkchor unter der Leitung von Eric Ericsson gesungen. Diese beiden Stücke sind auch auf der Kassette «Europäische Chormusik» beim deutschen Label «Electrola» erschienen. Der schwedische Chor sang die Stücke auf Ungarisch, allerdings mit starkem schwedischem Akzent.
Der Musikverlag B. Schott's Söhne in Mainz möchte diese Stücke veröffentlichen. Ich glaube, sie haben Dir bereits wegen der Chöre geschrieben.
In dem Chorstück «Éjszaka» habe ich die 7. Strophe der «Tropischen Motive» vertont, in «Reggel» die zweite Strophe von «Rongyszőnyeg», in beiden nicht den kompletten Text, sondern einzelne Verse oder noch kürzere Fragmente – die musikalische Struktur der beiden Chorstücke ist montageartig, was die fragmentarische Verwendung des Textes rechtfertigt. Schott beabsichtigt, die Chorwerke außer der ungarischen Originalfassung auch in deutscher und englischer Übersetzung herauszugeben – die Notwendigkeit dafür hat die schwedische Veröffentlichung der ungarischen Fassung gezeigt.
Der Verlag Schott bittet Dich um die Erlaubnis, die ungarischen Texte in deutscher und englischer Sprache zu veröffentlichen – und hat mich gebeten, sie für Dich zu besorgen. Die Übersetzungen sind ein sehr großes Problem, denn es geht nicht um Sinn- oder Poesieübersetzungen, sondern um freie Übersetzungen, die den Rhythmus der Musik nicht verändern; bei Liedern könnte die gesungene Melodielinie dem deutschen oder englischen Rhythmus angepasst werden – bei Chören ist dies wegen der Mehrstimmigkeit der Musik nicht möglich, und die rhythmische Form eines einzelnen Solos kann nicht verändert werden, ohne die Struktur des gesamten Stücks zu verfälschen.
Schott fragte zunächst deutsche und englische Dichter an, konnte aber keinen geeigneten Übersetzer finden. Es ist prinzipiell nicht möglich, die Gedichte oder Gedichtfragmente so zu übersetzen, dass englische oder deutsche Gedichte entstehen, die den rhythmischen Rahmen der Musik rhythmisch abdecken.
Da Schott die Stücke so schnell wie möglich veröffentlichen will (ein Stuttgarter Chor hat bereits die deutsche Erstaufführung der beiden Stücke auf den Plan gerufen), habe ich es selbst versucht – nicht mit einer Übersetzung, sondern mit einer völlig freien Transposition, d.h. einer völligen Perversion, und nun bin ich so unverschämt, Dich um Deine Zustimmung zu diesem Mord zu bitten.
ÉJSZAKA. Am Anfang des Stückes wird die Zeile «rengeteg tövis» (viele Dornen) wiederholt, sehr oft im [Noten1] Rhythmus. Das Adjektiv «rengeteg» konnte weder im Deutschen noch im Englischen im gleichen Rhythmus wiedergegeben werden, also habe ich – Dein Gedicht verfälschend – das Substantiv «rengeteg» im übertragenen Sinn übersetzt. Im Deutschen – unter Beibehaltung des oben angegebenen Rhythmus – gibt es folgende Möglichkeiten «Wälder voll Stacheln» und «dornige Wildnis»; im Englischen «thorny huge jungles» und «mistery forests». Da die Musik montageartig ist und die Versfragmente in den einzelnen Stimmen als Fragmente des Originalgedichts erscheinen, habe ich sowohl die deutsche als auch die englische Version in unregelmäßigem Wechsel verwendet.
Später wird das Wort «rengeteg» im [Rhythmus2]-Rhythmus wiederholt. Deutsch: «Wälder und Wälder und…» usw., englisch: «infinite wilderness», wiederholt.
Das nächste Wort «éjszaka!», das aus der ursprünglichen Reihenfolge herausgenommen wurde, erscheint am Ende des Stückes, in einem sehr tief liegenden, dunklen Akkord, im [Rhythmus3] Rhythmus, in langsamem Tempo. Deutsch: «Mitternacht». Im Englischen war es schwierig, ein dreisilbiges Wort zu finden, also «Darkness, night». […]
(Übersetzung: Anna Dalos)