Objekt 200
Ein Netz von Stimmen
Beschreibung
Zwar verwende ich eine strenge Material- und Formorganisation, die der seriellen Komposition verwandt ist, doch war für mich weder die Satztechnik noch die Verwirklichung einer abstrakten kompositorischen Idee das Wichtigste. Primär waren Vorstellungen von weitverzweigten, mit Klängen und zarten Geräuschen ausgefüllten musikalischen Labyrinthen.
György Ligeti, 1960
Das Orchesterwerk Apparitions, das 1960 beim Festival der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik in Köln uraufgeführt wurde, brachte Ligeti den internationalen Durchbruch. Atmosphères, ein Jahr später präsentiert, erfordert einen riesigen Orchesterapparat: Das motivische Material in den über 80 Instrumentalstimmen ist variantenreich und erklingt gleichzeitig mit kleinen zeitlichen Verschiebungen. Es entsteht ein «dichtes Gewebe», in dem die einzelnen Fäden nicht mehr unterscheidbar sind. So schuf Ligeti einen Klang, dessen «Aggregatzustand» sich extrem langsam und kaleidoskopartig verändert. Er nannte diese Technik «Mikropolyphonie». Charakteristische Merkmale von Apparitions und Atmosphères sind innere Spannung und unerwartete Wendungen, die Beklemmung hervorrufen. Aus der Gleichzeitigkeit von Statik und innerer Bewegtheit ergeben sich musikalische Labyrinthe.