Wieder vereint!
Es war gewissermassen eine Rückkehr: Im Jahr 2022 gelangte der «Waldenburger Tisch» als Schenkung der Gemeinde Langenbruck ans HMB. Bereits 1912 war er in der Barfüsserkirche ausgestellt, damals als Leihgabe. 1936 zog ihn der damalige Eigentümer Albert Schneider zurück. Die Gemeinde Langenbruck plante die Gründung eines eigenen Museums, der dekorative Tisch sollte dort Teil der Ausstellung werden.
Der «Tisch» ist ein bemerkenswertes Sammlungsobjekt. Seine Bemalung in der Art eines Orientteppichs ist höchst originell, doch seine Funktion gab bisher Rätsel auf. Besonders für ein herausnehmbares Mittelmedaillon, welches von einem Spruchband eingefasst wird, konnte nie eine überzeugende Erklärung gefunden werden. Von einem «Rittertisch» war die Rede, oder auch von einem «Zahltisch» für Steuereinnahmen. Aufgrund des Spruchbandes – die Übersetzung aus dem Lateinischen lautet sinngemäss «Zwei Dinge fördern das Staatswesen: Verbrechen zu strafen und Gerechtigkeit zu belohnen» – wurde zuletzt über eine Nutzung als «Gerichtstisch» spekuliert. All diese Überlegungen sind jedoch nicht überzeugend. Die Datierung des Möbels erfolgte vage ins 17. Jahrhundert. Von einer ritterlichen Herrschaft konnte jedoch zu dieser Zeit auf der Waldenburg keine Rede mehr sein. Bereits seit 1400 verwaltete ein Basler Vogt das Amt, 1585 ging die Burg endgültig in Basler Besitz über. Spezielle Tische zur Eintreibung von Steuern sind nicht bekannt, und Gerichtsverfahren wurden grundsätzlich in Basel verhandelt.
Deckel statt Tisch
Weitere Eigenheiten des Tischs warfen Fragen auf. Zum einen befinden sich an der Einrahmung unter der bemalten Tischfläche mehrere Griffmulden.
Zum anderen ist die Platte ausgesprochen dünn und leicht gearbeitet, und auf eine originale Unterkonstruktion gibt es keinerlei Hinweise, das jetzige Gestell ist eine spätere Ergänzung. Dazu kommt eine grosse Ähnlichkeit zu einem anderen Objekt aus unserer Sammlung: dem «Basler Ratstisch».
Der Basler Ratstisch
Eigentlich ist die Bezeichnung «Ratstisch» irreführend. Zwar schenkte der Hersteller Johann Christian Frisch den Prunktisch 1675 dem Basler Rat. Dieser entschied jedoch umgehend, den Tisch bei «den amerbachischen rariteten» im Haus zur Mücke aufzustellen. Dort eröffnete kurz zuvor die erste öffentliche Basler Kunstsammlung, nachdem die Stadt die von Bonifacius Amerbach und seinem Sohn Basilius begründete Sammlung 1661 angekauft hatte. Diese Sammlung, auch Amerbach-Kabinett genannt, bildete später einen wichtigen Grundstein für das Historische Museum Basel, das Kunstmuseum und die Universitätsbibliothek.
Prunkstück des «Ratstisches» ist ein kostbares, von Perlmutt eingefasstes Mittelmedaillon mit dem Basler Standesschild, den Wappen der vier damals regierenden Häuptern und weiteren Einlagen aus kostbaren Materialien. Wie am «Waldenburger Tisch» rahmt auch hier ein umlaufendes Spruchband die Darstellung.
Aufgrund dieser Parallelen und der genannten Konstruktionsmerkmale keimte beim Möbelrestaurator des HMB die Vermutung, dass «Ratstisch» und «Waldenburger Tisch» ein zusammengehöriges Ganzes bilden. Eine genaue Vermessung bestätigte: Der «Waldenburger Tisch» passt auf den «Ratstisch» wie der sprichwörtliche Deckel zum Topf und hatte wohl die Funktion einer dekorativen Schutzhaube! Die Öffnung, die bei Herausnahme des Medaillons im «Waldenburger Tisch» entsteht, gibt exakt den Blick auf das kostbare Perlmuttmedaillon des Ratstisches frei. Man konnte also Besucher:innen der Basler Kunstsammlung das Herzstück des Kunstkammertisches präsentieren, ohne die gesamte Schutzhaube abheben zu müssen.
Und was sagt uns das Holz?
Die Untersuchungen brachten noch weiteres zu Tage: eine wissenschaftliche Datierung des Holzes belegt, dass der Baum für die Tischplatte zwischen ca. 1525 und 1685 gefällt wurde und dass das herausnehmbare Mittelmedaillon des «Waldenburger Tisches» eine Ergänzung aus der Mitte des 19. Jahrhunderts sein muss. Der Baum, aus dessen Holz das Medaillon gefertigt wurde, wurde frühestens 1858 gefällt. Initiator der Ergänzung könnte der damalige Bezirksstatthalter in Waldenburg, Daniel-Schneider Dettwiler (1825–1910), gewesen sein. Belege für die Besitzverhältnisse und den Standort des «Waldenburger Tisches» im 19. Jahrhundert fehlen jedoch bislang. Auch wissen wir nicht, was sich an der Stelle des heutigen Medaillons befunden hat. Die aufwendige Ergänzung bezeugt immerhin, welch grosse Bedeutung dem erhaltenen Original beigemessen wurde.
Ein Schreibfehler in der erwähnten lateinischen Umschrift konnte zudem als Übermalung des frühen 20. Jahrhunderts identifiziert werden. Der originale Text: «DVAE RES ERVBDIVNT CIVITATES : SCELERVM POENAE ET IVSTITAE PRAEMIA» geht auf die griechische Antike zurück. Vermutlich bezieht sich das Zitat auf die «Rede des Lykurg gegen Leokrates», einem Hochverratsprozess in Athen im 4.Jahrundert vor Christus. Es verweist auf die staatstragende Bedeutung gerechter Herrschaft und ist zweifellos ein Indiz für eine Aufstellung im öffentlichen Raum. In ähnlicher Weise wird am Basler Häuptergestühl, den ehemals im Münster aufgestellten Ratssitzen, die Regierung mit einer lateinischen Inschrift als Beschützerin von Recht und Gerechtigkeit gepriesen.
Was vorerst offen bleibt
Sondierungen im Staatsarchiv Basel-Stadt zu möglichen schriftlichen Nachweisen eines Schutzdeckels für den «Ratstisch» im Umfeld von dessen Erstaufstellung im Haus zur Mücke blieben leider ergebnislos. Mithin fehlt bisher ein schriftlicher Beleg zur Zusammengehörigkeit von Deckel und Ratstisch. Auch über den Zeitpunkt der Trennung der so offensichtlich zusammengehörigen Teile kann aktuell nur spekuliert werden.
Die Entdeckung wirft eine ganze Reihe weiterer neuer Forschungsfragen auf: Gab es auch andernorts Schutzhauben für Kunstkammertische? Warum wählte man das Motiv eines Orientteppichs? Wie ist die Bemalung genau zu datieren? Und gab ein historisches Ereignis in Basel Anlass zur Textauswahl des umlaufenden Spruchbandes?
Vieles liegt noch im Dunkeln, doch bereits jetzt erscheint der wohl bedeutendste Kunstkammertisch der Schweiz in neuem Licht. Wir bleiben dran.