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Schulwandbilder: Geistige Landesverteidigung im Klassenzimmer

Die Lehrmittel in den Schulen wandeln sich laufend. Während heute alle Schüler:innen einen eigenen Laptop besitzen, auf den die Lerninhalte hochgeladen werden, blickte die Klasse vor 60 Jahren gemeinsam auf ein Schulwandbild. Unterdessen werden die Bestände an Schulwandbildern in den Schulen aufgelöst. 2025 hat das HMB vier von Basler Künstler:innen gestaltete Tafeln in die Sammlung aufgenommen.

«Söldnerzug» von Burkhard Mangold (1873–1950)
«Rapunzel» von Valery Heussler (1920–2007)

Schulwandbilder sind grossformatige, meist auf Karton aufgezogene Bilder, auf denen Themen aus Natur, Wirtschaft, Topografie, Architektur oder Alltag anschaulich dargestellt sind. Als Medien sind sie schon lange aus dem Unterricht verschwunden, doch sie zu entsorgen, fällt meistens schwer. Immerhin wurden die Bilder von Schweizer Künstler:innen geschaffen und haben somit einen ästhetischen und gestalterischen Anspruch. 

Im Primarschulhaus Sevogel musste der umfangreiche Bestand bei einem Ausbau des Dachstocks weichen. Vier Tafeln von Basler Künstler:innen nahm das HMB nun in die Sammlung auf: «Söldnerzug» von Burkhard Mangold (1873–1950), «Rapunzel» von Valery Heussler (1920–2007), «Gemüsemarkt» von Andres Barth (1916–1990) sowie «Geflügelhof» von Hans Haefliger (1898–1968).

Orientierung für die Schweizer Jugend

Die vier Bilder stammen aus der Produktion des Schweizerischen Schulwandbilder Werks (SSW). Das SSW entstand in den 1930er-Jahren. Damals sollten die Schweizer Schulstuben mit pädagogisch und künstlerisch wertvollen Motiven geschmückt werden. Der Charakter der Schweiz, helvetische Tradition und schweizerischer Geist sollten so dargestellt sein, dass die Schweizer Jugend sich daran orientieren konnte. Entsprechend dieser patriotischen Besinnung nach innen wurde der Bezug von Schulmaterial aus dem Deutschen Reich eingestellt. Ganz im Sinne der Geistigen Landesverteidigung mussten die Bilder in der Schweiz entworfen und hergestellt sein. 

Die 1933 dafür gegründete «Kommission für interkantonale Schulfragen» war zudem in dieser Krisenzeit bestrebt, arbeitslosen Kunstschaffenden zu Aufträgen zu verhelfen. Die im Werkprogramm vorgesehenen Bildreihen sollten die Schweiz topografisch und geografisch, wirtschaftlich und technologisch, botanisch und zoologisch, geschichtlich und architektonisch erfassen und künstlerisch darstellen. Zur Vergabe der Aufträge wurden Wettbewerbe ausgeschrieben und pro Sujet drei Kunstschaffende eingeladen, ihre Vorschläge einzureichen. So waren bis zum Zweiten Weltkrieg bereits um die hundert Kunstschaffende in den Genuss dieser Bundesunterstützung gekommen, darunter Niklaus Stoecklin, Victor Surbek, Hans Erni, Alois Carigiet und Burkhard Mangold. 

«Söldnerzug» von Burkhard Mangold (1873–1950)
«Söldnerzug» von Burkhard Mangold (1873–1950)
«Rapunzel» von Valery Heussler (1920–2007)
«Rapunzel» von Valery Heussler (1920–2007)
«Geflügelhof» von Hans Haefliger (1898–1968)
«Geflügelhof» von Hans Haefliger (1898–1968)

Made in Switzerland

Der Druck erfolgte durch eine Schweizer Firma auf in der Schweiz hergestelltem Papier. Auch für die Wahl der Vertriebsfirma wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, den die 1925 gegründete Firma Ernst Ingold AG in Herzogenbuchsee gewann. Damit die Lehrpersonen die teilweise anspruchsvollen Themen unterrichten konnten, wurde zu jedem Bild ein Kommentarheft herausgegeben. Die Hefte waren von hoher informativer Qualität, sie stellten das Thema umfassend dar, lieferten Quellen und Zusatzinformationen und benannten manchmal auch fachliche Fehler in den Bildern. Die Kommentarhefte, für deren Redaktion ausgewiesene Fachleute und Wissenschaftler:innen beauftragt wurden, bilden insgesamt ein spannendes Zeitdokument und ein Kompendium kulturellen Wissens über die Schweiz. Nach der Herausgabe des 252. Bildes wurde das SSW 1995 aufgelöst. 

Das Bild «Söldnerzug» von Burkhard Mangold erschien 1936 und gehört damit zu den frühesten Werken. Die Bilder der ersten Serie zeigten vor allem die Bedrohung durch vielfältige Gefahren, denen man mit Klugheit, Widerstandskraft und Durchhaltewillen begegnen musste: Lawinen und Steinschläge bedrohen den Menschen im Gebirge, Bergdolen und Murmeltiere behaupten sich mit ihren Strategien im täglichen alpinen Überlebenskampf und eidgenössische Kämpfer bahnen sich – wie im Bild «Söldnerzug» – ihren Weg durch eine harsche Gebirgslandschaft. Erstmals 1942 wurde mit dem Bild «Heimweberei» von Annemarie von Matt (1905–1967) auch eine Künstlerin berücksichtigt. Auch wenn sie in der Minderzahl blieben, kamen ab den 1950er-Jahren immer wieder Frauen zum Zug, am häufigsten, nämlich 13-mal, die Zürcher Künstlerin und wissenschaftliche Illustratorin Marta Seitz (1915–2001) mit ihren eindrücklichen Pflanzen- und Tierdarstellungen.

Richtiges Spalentor, falsche Umgebung

1958 schuf die Basler Künstlerin Valery Heussler ein Bild zum Märchen «Rapunzel». Märchen gehören zu den seltenen Bildstoffen des SSW, nur fünf der insgesamt 252 Tafeln hatten ein Märchen zum Inhalt. Hier nun erzählt Heussler die gesamte Rapunzel-Geschichte in Form einer Simultandarstellung auf einem einzigen Bild: Zu sehen sind der Mann, der im Garten der Zauberin Salat für seine schwangere Gattin stiehlt, und die Zauberin, die das neugeborene Kind fortträgt, Rapunzel mit ihrem langen, goldenen Haar am Fenster des türlosen Turms und der heranreitende Prinz, die in die Ödnis verbannte Rapunzel und der erblindete Königssohn, der auf der Suche nach ihr ist. 

Die beiden Bilder «Gemüsemarkt» von Andres Barth und «Geflügelhof» von Hans Haefliger sind Tafeln aus dem stärker vertretenen Themenkreis der Lebensmittelversorgung. Das Bild «Gemüsemarkt» aus dem Jahr 1961 zeigt einen belebten Marktplatz mit reich gefüllten Ständen. Das Stadttor, durch welches das Gemüse vom Land auf den städtischen Markt gebracht wird, ist eindeutig als das Basler Spalentor identifizierbar. Doch dieses ist nicht in die reale Umgebung eingefügt. Das Bild zeigt die innere Schauseite des Tors, ohne Konsolfiguren. Dabei stimmt hier weder der Blick aus der Spalenvorstadt auf das Tor noch der Blick durch die Missionsstrasse in Richtung Elsass. Da das Spalentor Teil der Stadtbefestigung war, grenzten auch zu keiner Zeit Häuser an. Seit dem Abbruch der Stadtmauer 1866/67 steht das Tor rundum frei. 

Andres Barth nutzte das imposante Tor sinnbildlich als Zeichen, um für den Gemüsemarkt ein stattliches städtisches Umfeld zu schaffen. Und auch wenn auf dem Platz vor dem Spalentor nie ein Markt stattgefunden hat, stimmt eines trotzdem: In früheren Zeiten gelangten durch dieses Tor tatsächlich viele wichtige Versorgungsgüter in die Stadt, denn aus dem südlichen Elsass wurde ein Grossteil des Bedarfs an landwirtschaftlichen Produkten gedeckt.

18. Mai 2026
Dr. Gudrun Piller, Kuratorin Historische Abteilung

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