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Die konservatorische Bearbeitung eines spätmittelalterlichen Wirkteppichs

Die Wirkteppiche des HMB sind wahre Schätze der Textilkunst. Ihre Bildwelt zwischen Fantasie und Realität zeigt fabelhafte Mischwesen, Pflanzen und Tiere, aber auch Alltagsgegenstände, wie Reitsättel und Kochlöffel, neben furchterregenden Drachen und graziösen Einhörnern. Sie faszinieren bis heute, geben Rätsel auf und erzählen zugleich von Leben, Liebe und Poesie im späten Mittelalter.

Viele der Wirkteppiche entstanden im Raum Basel. Ihre hohe handwerkliche und künstlerische Qualität sowie die klaren Farben ziehen die Besucher:innen auch nach Jahrhunderten in ihren Bann. Damit diese einzigartigen Zeugnisse der Textilkunst erhalten bleiben, sind regelmässige Kontrollen und sorgfältige konservatorische Arbeiten notwendig. Diese werden von der Abteilung Konservierung geplant und ausgeführt. 

Im Dezember wurde ein sechs Meter langer Wirkteppich bearbeitet. Dieses Kunstwerk zeigt mehrere Szenen aus dem Leben der «Wilden Leute». Diese Wesen lebten nach einer im Mittelalter verbreiteten Auffassung frei und ungebunden in den Wäldern – man erkennt sie an dem Fell, mit dem ihre Körper bedeckt sind. Die Darstellung auf dem vorliegenden Wirkteppich thematisiert die Freuden und Enttäuschungen der Liebe. Neben den Wilden Leuten sind auch Gestalten abgebildet, die für Tugenden stehen und deshalb besonders kostbare Kleidung und Schmuck tragen. Gedanken und Äusserungen der Personen auf dem Teppich sind in den Spruchbändern über ihren Köpfen abzulesen.

Vorgehen

Für die konservatorischen Massnahmen wurde der Teppich vorsichtig auf eine speziell gepolsterte Rolle aufgebracht und zum Arbeitstisch transportiert, wo er erneut ausgelegt wurde. Ausgeführt wurde der Transport durch mehrere Spezialist:innen der Konservierung und des Art Handling. So konnte sichergestellt werden, dass das empfindliche Kunstwerk dabei nicht zu Schaden kam.

Die Bearbeitung eines Wirkteppichs ist immer ein besonderes Ereignis, denn konservatorische Eingriffe erfolgen nur, wenn sie unbedingt notwendig sind. Kommt es aber dazu, bietet sich die seltene Gelegenheit, das Werk unter optimalen Lichtbedingungen zu untersuchen. 

Neben der Dokumentation des aktuellen Erhaltungszustands wurde eine neue, im Vorfeld angefertigte Montage am Wirkteppich befestigt. Das dafür verwendete Material wurde nach strengen Kriterien ausgewählt und getestet, damit es langfristig keine Schäden verursacht. Begleitend zu den Arbeiten fand eine öffentliche Veranstaltung statt, bei der Kuratorin und Konservatorin im Dialog mit den Besucher:innen Einblicke in den komplexen Herstellungsprozess von Wirkteppichen gaben. Auch die rätselhaften Wilden Leute aus dem späten Mittelalter boten reichlich Stoff für Gespräche. 

Nach Abschluss der Konservierungsarbeiten wurde der Teppich, eine Dauerleihgabe aus einer Privatsammlung, so rasch wie möglich wieder in der Ausstellung platziert, wo er aufs Neue die Besucher:innen begeistert – und es bleibt ein kleines Wunder, dass ein solches Textil die Jahrhunderte überdauert hat.

18. Mai 2026
Gesa Bernges, Konservatorin-Restauratorin Textilien

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