Vorsondierung, Priorisierung, Erstbeforschung I (VPE I)
Über das Projekt
Um eine nachhaltige Forschung zu etablieren, werden Vorgaben benötigt. In dem Projekt wurden die Vorgehensweisen an exemplarisch gewählten Objekten beleuchtet, um Erfahrungen zu gewinnen.
Diese ermöglichten, Standards zu definieren die eine nachhaltige Provenienzforschung an der Sammlung garantieren. Das Projekt «VPE I» hatte sich zwei Ziele gesetzt. Zum einen sollte ein Überblick über die Sammlung gewonnen werden. Zum anderen wurden Richtlinien, Standards und aktualisierte Prozesse benötigt, um den Forschungsbereich im Museum zu verankern.
Vorgehen
Provenienzforschung muss langfristig gedacht werden. Bei einer Sammlung von der Grösse des HMB sind mehrere Dekaden nötig, um einen Überblick über die Provenienzen der Objekte zu gewinnen. Um eine einheitliche Qualität der Forschung zu garantieren, braucht es Richtlinien und Standards.
Für die breite Palette an kulturhistorischen Objekten fehlen diese weitgehend. Mit dem Projekt VPE I wurden diese beiden Bedürfnissen verbunden, Richtlinien erarbeitet, indem stichprobenartig gewählte Objekte aus unterschiedlichen Gattungen auf Unrechtskontexte untersucht wurden. Mit der gewonnenen Erfahrung konnten Bedürfnisse definiert und Standards erarbeitet werden.
- Laufzeit: Januar 2024 – Dezember 2025
- Beteiligte: Renato Moser, Patrick Moser, Mirjana Murer, Daniel Suter, Kurator:innen, Konservator:innen-Restaurator:innen
- Ziel: Beforschung von Objekten der Sammlung sowie Definition von Provenienzforschungsstandards als Grundlage für eine einheitliche Vorgehensweise und standardisierte Dokumentation
- Förderung: Kanton Basel-Stadt, Rahmenausgabenbewilligung für aktive Provenienzforschung in den kantonalen Museen Basel-Stadt für die Jahre 2023 bis 2026/29
Schenkung der Dr. h. c. Emile Dreyfus-Stiftung
Seit 1969 bereichern über 400 Objekte aus dem Nachlass von Dr. h. c. Emile Dreyfus die Sammlung des HMB. Zu den anfänglich als Dauerleihgaben aufgenommenen Objekten, die bis heute in der Dauerausstellung präsentiert werden, gehören französisches Mobiliar des 18. Jahrhunderts, ausgesuchte Keramiken sowie Gold- und Silberschmiedearbeiten. Im Jahr 2021 wurden diese Objekte von der Dr. h. c. Emile Dreyfus-Stiftung dem HMB geschenkt. Der Regierungsrat des Kantons Basel-Stadt stimmte der Schenkung zu und beauftragte das HMB mit der Erforschung der Provenienzen sowie der Publikation der Ergebnisse.
Bei 82 Inventarnummern mussten wegen vorhandenen Lücken in der Zeit zwischen 1933 und 1945 ein Basischeck durchgeführt werden, um das Risiko für einen ein NS-verfolgungsbedingter Verlust abschätzen zu können.
Der Basischeck am HMB ist ein standardisiertes Verfahren, um Sammlungsobjekte auf eine unrechtmässige Herkunft zu überprüfen und eine fundierte Risikoeinschätzung zu ermöglichen. Dabei werden die objektbezogenen Dokumente im Museumsarchiv ausgewertet und relevante Verlust- und Forschungsdatenbanken sowie entsprechende Literatur konsultiert.
An 29 Objekten konnte zudem eine ausführliche Objektautopsie durchgeführt werden. Bei diesen Untersuchungen wird interdisziplinär gearbeitet, um sämtliche Hinweise detailliert erfassen, dokumentieren und interpretieren zu können.
Bei keinem Objekt fand sich ein Hinweis auf eine eindeutige Verbindung zu einem NS-verfolgungsbedingten Verlust. Drei Inventarnummern konnten der BAK-Kategorie A zugeordnet werden. Es heisst dort: «Die Provenienz zwischen 1933 und 1945 ist rekonstruierbar und unbedenklich. Es kann ausgeschlossen werden, dass es sich bei dem Objekt um NS-Raubkunst handelt.»
Die restlichen 79 Inventarnummern fallen in die BAK-Kategorie B: «Die Provenienz zwischen 1933 und 1945 ist nicht eindeutig geklärt oder weist Lücken auf. Die vorhandenen Informationen lassen jedoch auf eine unbedenkliche Provenienz schliessen.» Dennoch wurden zu 23 Objekten Tiefenrecherchen durchgeführt, um frühere Eigentümer zu identifizieren und Lücken zu schliessen.
Berichte zum Projektabschluss
Das aus der «Rahmenausgabenbewilligung für aktive Provenienzforschung in den kantonalen Museen» unterstützte Projekt VPE I hat in den vergangenen zwei Jahren 192 Objekte untersucht. In der «Wegleitung für Provenienzforschung am HMB» wurden, als Teilergebnis dieses Projektes, Prozesse und Standards festgehalten. Diese ist eine wichtige Grundlage für die neu implementierte Provenienzforschung, und Voraussetzung für ein einheitliches Vorgehen und die nachhaltige Nutzung der Ergebnisse.
Im Projekt wurden 150 Objekte auf einen NS-verfolgungsbedingten Verlust untersucht. Diese wurden einem Basischeck unterzogen. Beim Basischeck wurden die objektbezogenen Dokumente des Museumsarchivs ausgewertet und in relevanten Datenbanken und Literatur nach den Objekten gesucht. Wo möglich wurde eine Objektautopsie durchgeführt. Für vier Objekte konnten dabei die Provenienzketten im kritischen Zeitraum zwischen 1933 und 1945 belegt werden. Diese Objekte konnten der Kategorie A, unbedenklich zugordnet werden und bedürfen keiner weiteren Beforschung. Für die 144 Objekte der Kategorie B sind weitere Recherchen nötig, um die vorhandenen Lücken schliessen zu können. Bislang fanden sich zu diesen Objekten keine Begleitumstände, die einer prioritäre Erforschung bedürfen. Zwei Objekte mussten der Kategorie C zugordnet werden. An diesen Objekten werden gegenwärtig Tiefenrecherchen durchgeführt, um die Rechtmässigkeit der Handwechsel zu untersuchen.
Die Sammlung des HMB darf nicht nur auf NS-verfolgungsbedingte Verluste untersucht werden, denn durch die Vielfalt an Objektgattungen könnten sich auch Verbindungen zu weiteren Unrechtskontexten in der Sammlung finden. So müssen beispielsweise koloniale Kontexte oder Verstösse gegen das Kulturgütertransfergesetz (KGTG) im Blick behalten werden. Bei 24 Objekten können Verbindungen zu einem kolonialen Unrechtskontext nicht ausgeschlossen werden. Diese Objekte benötigen weitere Forschung.