Objekt 8
Tiere verdienen mehr als Schutz!
Beschreibung
Tiere werden heute massiv genutzt, ja ausgenutzt. Deshalb brauchen Tiere mehr als nur Schutz. Sie brauchen, wie viele Tierethikerinnen und Tierethiker meinen, Grundrechte.
Menschen haben sich schon immer über Tiere Gedanken gemacht. Die ältesten Bilder, die wir kennen, sind Höhlenmalereien. Sie sind teilweise über 30'000 Jahre alt zeigen überwiegend Tiere. Meistens Jagdtiere. Die künstlerische Fantasie des Menschen entstand offenbar im Kontakt mit Tieren.
Tiere haben sich nicht nur in unserer Fantasie eingenistet, wir haben sie auch gezähmt, gejagt, gezüchtet und ausgerottet. Denn Tiere sind Ressourcen für uns. Sie liefern Fleisch, Milch, Eier, Honig, Daunen, Federn, Seidenfäden, Wolle, Häute, Knochen, Elfenbein, Schildpatt, Lebertran, Fett, Farben, Därme, Trophäen, Opfergaben, Weissagungen, Wundermittel oder Medikamente.
Tiere geben diese Ressourcen in der Regel nicht freiwillig her, sie werden ihnen genommen. Die Tiere bezahlen das häufig mit ihrem Leben und ihrer Gesundheit.
Auch das hat Menschen von Anfang an beschäftigt. Antike Philosophenschulen, indische Religionslehrer oder buddhistische Mönche verzichteten bewusst auf Fleisch. In der christlichen Kirche haben im Mittelalter Menschen wie Franz von Assisi auf unsere Nähe zu Tieren aufmerksam gemacht. Der Freigeist Michel de Montaigne hat in der Renaissance mehr Wohlwollen für Tiere gefordert. Der Philosoph Arthur Schopenhauer hat zu Beginn des 19. Jh. die europäische Moral für den Ausschluss der Tiere heftig kritisiert.
Damals ging es vor allem um das Leid von Tieren. Heute geht es um viel mehr. Nach Schätzungen werden heute weltweit mehr als 200 Millionen Landtiere geschlachtet – pro Tag! Rechnet man Fische dazu, kommt man vermutlich auf 3 Milliarden Tiere – auch pro Tag! Heute gibt es auf der Welt mehr Nutztiere als Wildtiere. Die Massentierhaltung steigert nicht nur das Leid, sie trägt auch dazu bei, dass das Klima sich erwärmt, Naturgebiete zerstört werden, Wildtiere aussterben, die Meere überfischt sind, Grundwasser verunreinigt wird, zu viele Antibiotika im Einsatz sind oder sich Epidemien häufen.
Einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sagen deutlich: Wollen wir diese Probleme lösen, müssen wir unseren Konsum von Fleisch und Milch massiv reduzieren. Es muss viel weniger Nutztiere geben. («Nutztiere» - was für ein seltsames Wort! Als wären Tiere nur zu unserem Nutzen da.)
Man hört heute oft, die Schweiz habe das beste Tierschutzgesetz der Welt. Aber alle Tierschutzgesetze verhindern nicht, dass auch in der Schweiz pro Jahr etwa 80 Millionen Nutztiere geschlachtet werden – fast zehn Mal so viel wie die Schweiz Einwohnerinnen und Einwohner hat. Auch wir kennen Massentierhaltung, Tierleid, Missbrauch, Klimaerwärmung, Naturzerstörung, Rückgang der Artenvielfalt, Antibiotikaeinsatz und Grundwasserverunreinigung wegen der Nutztierhaltung.
Offenbar schützen diese Gesetze die Tiere und die Umwelt doch nicht so gut. Darum würde ich lieber sagen, die Schweiz hat das am wenigsten schlechte Tierschutzgesetz der Welt. Einige Menschen wollen deshalb weiter gehen als der Tierschutz. Sie fordern nicht nur Tierschutz, sondern Tierrechte und sogar Mitspracherechte für Tiere.
Der Tierschutz gibt den Tieren keine Rechte. Er schützt sie nur vor dem Schlimmsten. Das ist alles. Oder würden Sie mit einem Mastschwein tauschen wollen? Oder mit einer Legehenne? Kein Tier auf der Welt hat heute ein Recht auf Leben, Gesundheit oder Freiheit. Warum nicht? Ganz einfach, weil wir sie seit Jahrtausenden genutzt haben und weiter nutzen wollen. Aber Tiere wollen leben, gesund sein und nicht eingesperrt sein.
Mit Rechten könnten Tiere viel besser geschützt werden als mit Tierschutz. Tiere wie Affen, Hunde, Rinder, Ziegen oder Schweine sind ja gar nicht so weit entfernt von uns Menschen. Wir sind Geschöpfe der Evolution des Lebens. Warum sollten diese Tiere also nicht auch ein Recht auf Leben und Freiheit haben?
Grundrechte und Mitsprache für Tiere – das klingt radikal. Aber erinnern wir uns, dass früher die Demokratie oder Rechte für Kinder auch als radikal galten. Wir stehen heute vor riesigen Herausforderungen, da werden wir mit moderaten Lösungen nicht weit kommen. Tierschutz beruhigt zwar unser Gewissen, löst aber nicht die Probleme.
Markus Wild, Professor für Philosophie, Universität Basel
Objektbeschreibung
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