Objekt 121
Begleitbrief an John S. Weissmann
Beschreibung
Lieber Herr Weissmann,
vielen Dank für Ihre Postkarte, es freut mich, dass Sie von mir ein Beispiel veröffentlichen. Leider kann ich keine Partitur schicken, ein Exemplar wird gerade in Köln im Radio kopiert, ein anderes ist in Wien, und das Original[manuskript] in Berlin. Ich habe aus dem Exemplar einige Stelle kopiert, damit Sie wählen können.
Das Streichquartett ist aus dem Jahre 1954. Ich vermute, dass Sie über meine anderen Stücke schon gehört haben, weil ich Ihnen eine Autobiographie geschickt habe; und sie haben zwei meiner Manuskripte. Die Anzahl meiner Kompositionen beträgt bisher ca. 50. Seit [19]54, also seit dem Streichquartett, das noch einen Bartók-Einfluss zeigt, habe ich diesen Stil kaum noch verwendet, weil dann der Einfluss von Webern usw. kam. Das habe ich nun verdaut und fange jetzt wieder an, mit voller Kraft zu arbeiten. Ich glaube, in dem, was ich jetzt mache, gibt es bereits kaum mehr Berg oder Webern, obwohl man natürlich spürt, dass ich diese beiden Komponisten (und einige Werke von Strawinsky) am liebsten mag.
Der Titel meines Werkes in Vorbereitung ist „Apparitions“, 5 kurze Sätze für Streichorchester und ein paar andere Instrumenten (2 H[arfen], 1 Klavier, 1 Cembalo, 1 Celesta, ein paar Schlaginstrumente [sparsam]). Im letzten Jahr schrieb ich drei elektronische Stücke, das erste ist „Glissandi“ – ich finde es nicht gut, und lasse es nicht aufführen; das andere ist „Artikulation“, es wird am 25. März in Köln uraufgeführt; das dritte hat noch keinen Titel, es ist erst in Skizzen. Was ich schreibe, ist keine 12-Ton Musik und weniger spekulativ als die Musik des Stockhausen-Kreises. Jedoch habe ich mich von der „neu-ungarischen“ Schule sehr entfernt (ohne dass es zu Lasten von Ungarntum gehen würde). Klang-Phantasien sind primär, aus diesen formen sich frei die Formen, ohne jegliche traditionellen Formmuster.
Herzliche Grüße,
György Ligeti