Zelle 34
Grifflochhörner und Posaunen Studiensammlung
Beschreibung
Einfache, kurze Signalhörner aus Tierhorn, Elfenbein, Holz, Metall oder anderen Materialien weisen eine weite konische Innenbohrung auf und verfügen meist nur über einen einzigen Ton, der durch die Länge und die Mensur des Rohrs bestimmt wird. Ausnahmsweise ist zusätzlich zum Grundton das Spiel einzelner Naturtöne möglich.
Demgegenüber kann auf längeren, enger mensurierten Instrumenten durch Veränderung der Lippenspannung und des Atemdrucks eine vollständige Naturtonreihe bis über den 24. Naturton hinaus gespielt werden.
Durch Hinzufügen unterschiedlicher technischer Hilfsmittel wird der Tonvorrat wesentlich vergrössert, werden zusätzlich zu den Naturtönen chromatische Töne und somit eine vollständige Tonleiter verfügbar. Diese Erweiterung bietet die Möglichkeit des gemeinsamen Musizierens mit anderen Instrumenten.
Bei den sogenannten Grifflochhörnern sind Grifflöcher in das Instrument gebohrt, die zunächst mit den Fingern, im 19. Jahrhundert auch durch Klappen abgedeckt werden.
Bei den Posaunen mit ihrer weitgehend zylindrisch verlaufenden Innenbohrung wird das Rohr teleskopartig verschoben ("Züge"). Die Veränderung der Rohrlänge bewirkt unterschiedliche Tonhöhen und schafft damit die Voraussetzung für das Spiel einer chromatischen Tonleiter. Im 19. Jahrhundert wurden insbesondere im militärischen Bereich auch Ventilposaunen verwendet.
Kommentar zu den Exponaten
Die Gruppierung der Exponate nimmt in der ersten Vitrine zunächst unterschiedliche Herstellungsmaterialien auf: Holz, mit Leder beklebt bzw. mit Rinde umwickelt, Glas, Tierhorn und Muschel. Daran schliessen sich die vielfältigen Erscheinungsformen der Grifflochhörner und in der zweiten Vitrine die Posaunen mit Zugposaune und Ventilposaune an.
Ophimonokleïde
Coeffet ist der Erfinder der Ophimonokleïde, für die er 1828 das Patent erhielt. Das Instrument ist vergleichbar mit einem vertikal gebauten Serpent.
Grundton
Der angegebene Grundton wurde aus der Instrumentenlänge errechnet und bezieht sich auf a1=440 Hz. Damit ist eine Vergleichbarkeit der im Laufe der Zeit teilweise veränderten Instrumente gegeben. Unberücksichtigt bleiben dabei die historischen Stimmungen.
Ventile
Das Ventil ist ein mechanisches, unterschiedlich konstruiertes Hilfsmittel, um einen zusätzlichen Rohrbogen zum Hauptrohr des jeweiligen Instruments hinzuzuschalten und damit die schwingende Luftsäule um die Länge des Zusatzrohrs zu verlängern und den Grundton des Instruments entsprechend zu erniedrigen.
Ziel der Rohrlängenveränderung ist die Ergänzung der fehlenden Töne zwischen dem 3. und dem 2. Naturton (Quinte), um über eine chromatische Tonleiter verfügen zu können.
Die Instrumente weisen zwei bis vier Ventile auf, die eine Erniedrigung der Grundstimmung um einen Ganzton, einen Halbton, eine kleine Terz oder eine Quarte ermöglichen. Sie können miteinander kombiniert werden.
Die ausgestellten Ventilposaunen vertreten in Bezug auf die Ventile Lösungen, die die Sammlung nur bei diesen Instrumenten zeigen kann.
1. Doppelrohrschubventil
Beim Doppelrohrschubventil werden zwei zusammengehörige Röhren innerhalb von zwei Rohrzylindern so verschoben, dass Aussparungen in den Röhren den zugehörigen Rohrabschnitt freigeben.
Die Betätigung der Ventile geschieht über "Druckwerke". Eine frühe Form, die vor allem in Süddeutschland und der Schweiz hergestellt wurde, besteht aus Klinkendrückern mit starken Federn und langen Hebeln.
1830 erhielt der Wiener Instrumentenmacher Leopold Uhlmann ein Patent auf eine Verbesserung von Doppelrohrschubventilen mit einem "Trommeldruckwerk", einer spiralförmig aufgewundenen Blattfeder, die von einem Metallgehäuse umschlossen ist.
Im Jahre 1821 wurden Doppelrohrschubventile von dem Leipziger Instrumentenmacher Christian Friedrich Sattler erstmals vorgestellt. Sie wurden in Wien durch Joseph Felix Riedl (? - 1840) und Joseph Kail (1795 - 1871) weiterentwickelt und 1823 patentiert, daher auch die Bezeichnung "Wiener Ventile". Die "Wiener Hörner" besitzen noch heute diese Ventilart.
2. Drehventil
Beim Drehventil wird der zugehörige Rohrabschnitt durch Drehen eines Zylinders mit zwei als Luftkanäle dienenden Aussparungen, des "Wechsels", zugeschaltet.
Zur Betätigung der Drehventile dienen "Druckwerke". Am häufigsten ist das "Trommeldruckwerk", eine spiralförmig aufgewundene Blattfeder, die von einem Metallgehäuse umschlossen ist. Beim "Spiralfederdruckwerk" entfällt das Gehäuse, so dass die Feder sichtbar ist. Das "Altmainzer"-Druckwerk besteht aus einem Hebelwerk.
Erste Modelle von Drehventilen gehen auf Versuche von Heinrich Stölzel (1777 - 1844) aus dem Jahre 1814 zurück. Auch Friedrich Blühmel (? - 1845) war an der frühen Entwicklung derartiger Ventilformen beteiligt. Erst 1828 beantragten sie ein Patent. Drehventile stellen bis heute den häufigsten Ventiltyp im deutschsprachigen Raum dar.
3. Périnet-Ventil
Beim Périnet-Ventil wird ein Kolben mit zwei schräg verlaufenden Öffnungen in einem senkrecht zum Hauptrohr stehenden Zylinder vertikal verschoben, um den Rohrabschnitt freizugeben.
Dieser Ventiltyp wurde in Paris von François Périnet erfunden und 1839 patentiert. Es handelt sich um eine Form des Pumpventils. Périnet-Ventile sind vor allem in den romanischen Ländern sowie in England und Amerika in Gebrauch.
Eine Auswahl von Musikbeispielen:
Audios
"´Signale auf dem Harsthron´ aus: Die Geschichte der Schweizer Militärmusik" // Paul Arnold, Harsthorn // P/C 1983; Gold Records LP 11 183 D. Kurzes Instrument mit weiter Mensur und ohne technische Hilfsmittel.
"Jagdsignale auf Muschelhorn" // Zwei Jäger aus dem Kanton Aargau, Muschelhörner // aus: Die Volksinstrumente der Schweiz // P/C 1996; claves CD 50-9621. Kurzes Instrument mit weiter Mensur und ohne technische Hilfsmittel.
"Jagdsignale auf Muschelhorn" // Zwei Jäger aus dem Kanton Aargau, Muschelhörner // aus: Die Volksinstrumente der Schweiz // P/C 1996; claves CD 50-9621. Kurzes Instrument mit weiter Mensur und ohne technische Hilfsmittel.
"Signale auf Tierhorn" // aus Klangführer durch die Sammlung alter Musikinstrumente // P/C 1993; Kunsthist. Wien 516 537-2. Kurzes Instrument mit weiter Mensur und ohne technische Hilfsmittel.
"Basler Pfeifertagwacht auf Clairon" // Clairon-Garde Basel-Stadt, dir. Paul Zimmermann // P/C 1997; keine weiteren Angaben. Längeres Instrument mit weiter Mensur und ohne technische Hilfsmittel.
Signale der Königlich Preussischen Post von 1828 auf dem Posthorn: 1 Abgang und Ankunft der Staffetten (Andeutung der Zahl der Pferde) 2 Abgang und Ankunft der Couriere (Andeutung der Zahl der Wagen/Pferde) 3 Abgang und Ankunft der Extraposten 4 Abgang und Ankunft der Fahrposten 5 Abgang und Ankunft der Schnellposten 6 Abgang und Ankunft der Reitposten 7 Notsignal, Halt, Schritt, Trab, Postillionruf nach dem Schmied Posttrompete in Es, Wolfang G. Haas Trompetenensemble Köln // P/C 1996 Museumsstiftung Post und Telekommunikation; CD 026.001. Längeres Instrument mit engerer Mensur und ohne technische Hilfsmittel.
Signale der Königlich Grossbritannisch-Hannoverschen Post von 1832 auf dem Posthorn: 1 Für die Personen Posten 2 Für die Postwagen und Fourgons 3 Für die Extraposten 4 Zahl der Beichaisen und Nebenwagen 5 Zahl der vorgespannten Pferde bei den Extraposten und Nebenwagen 6 Für das Ausweichen des entgegenkommenden oder vorausfahrenden Fuhrwerks 7 Aufforderung zum Einsteigen Posttrompete in Es, Wolfang G. Haas Trompetenensemble Köln // P/C 1996 Museumsstiftung Post und Telekommunikation; CD 026.001. Längeres Instrument mit engerer Mensur und ohne technische Hilfsmittel. Für das englische Kutschhorn konnte kein Beispiel gefunden werden. Als Ersatz dienen diese mit Posttrompete gespielten 'Grossbritannisch-Hannoverschen' Signale.
"Rigi Sännä Jutz für Alphorn" // Alphorntrio Imlig, Oberarth (SZ) // aus: Die Volksmusikinstrumente der Schweiz // P/C 1996; claves CD 50-9621. Langes Instrument mit engerer Mensur und ohne technische Hilfsmittel.
"´Hirtenrufe aus dem Muotatal auf Büchel´ aus: Die Volksmusikinstrumente der Schweiz" // Dominik Marty, Schwyz // P/C 1996; claves CD 50-9621. Langes Instrument mit engerer Mensur und ohne technische Hilfsmittel.
"´Sonata quarta à 2´ für Zink", (1621) // Dario Castello (Venedig, 1. Hälfte 17. Jh.) // Concerto Palatino, Bruce Dickey, Zink, Charles Toet, Posaune, Klaus Eichhorn, Orgel // P/C 1990; ACC 9058 D. Instrument mit Grifflöchern für eine diatonische und chromatische Tonleiter.
"´Rule, Britannia´ für Serpent", (1740) // Thomas A. Arne (1710 - 1778) // The London Serpent Trio, Alan Lumsden, Christophier Monk, Andrew van der Beek // P/C 1981; Titanic Ti-100. Instrument mit Grifflöchern für eine diatonische und chromatische Tonleiter, im 19. Jh. mit Klappen.
"´The Bugle Quick Step´ für Klappenhorn", (um 1825) // Francis Johnson // Ralph Dudgeon, Klappenhorn, The Miss Lucy Long Social Orchestra an Quick Step Society // P/C 1989; MC Ralph Dudgeon, Homer NY // Die Aufnahme wurde von R. Dudgeon in dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt. Instrument mit Grifflöchern und Klappen für eine diatonische und chromatische Tonleiter.
"Ophikleiden im Verband mit Klappenhorn, Saxhorn, Posaunen und Bässen" // Niccolò Paganini (1782 - 1840) Le Carnaval de Venise mit Variationen für Brass Band // The Wallace Collection, dir. Simon Wright // P/C 1996; NI 5470. Instrument mit Grifflöchern und Klappen für eine diatonische und chromatische Tonleiter. Die Besetzung entspricht der Brass Band von Schloss Cyfartha (GB). Diese wurde 1838 gegründet und versammelte die besten Spieler. Dementsprechend enthielt das Repertoire technisch anspruchsvolle Arrangements von berühmten Stücken der Zeit. Die Variationen bieten die Möglichkeit, die verschiedenen Instrumentengruppen deutlich wahrzunehmen, insbesondere auch die weiche und dunkle Klangfarbe der Ophikleïden.
"Equale Nr. 2 Poco Adagio aus Drei Equale, WoO 30 für Drei Zugposaunen (Alt, Tenor, Bass)" // Ludwig van Beethoven (1770 - 1827) // Mitglieder des Quatuor de Trombones de Liège // P/C 1990; AU 31457. Instrument mit teleskopartig veränderbarer Rohrlänge für diatonische und chromatische Tonleitern.
"´Teddy Trombone - A Brother to Miss Trombone´ für Zugposaune aus ´Trombone Family´", (um 1918) // Henry Filmore // Ronald Barron, Posaune, Kenneth Cooper, Klavier // P/C 1987; Elektra Nonesuch 9 791 57-2. Instrument mit teleskopartig veränderbarer Rohrlänge für diatonische und chromatische Tonleitern. Die Musik verlangt auch Glissandos.