Silberrestaurierung zwischen Geschichte, Chemie und Pflege
Die Erfassung und das Monitoring des Zustandes unserer Sammlung gehören zu den vielfältigen Aufgaben der Konservator:innen - Restaurator:innen am HMB. Ein 27-teiliges Tafelservice, das seit 1969 zur Sammlung des HMB gehört, wies deutliche Schäden und Gebrauchsspuren auf. Es folgten Archivrecherchen, wissenschaftliche Analysen und sorgfältige Konservierungsarbeiten. Ein Prozess, der viel über die Geschichte und den Zustand der Objekte, aber auch über die Ausstellungspraxis aussagt.
Bei einer so umfangreichen Sammlung wie jener des HMB geschieht das Monitoring der Sammlung in Form von zyklischen Überwachungskampagnen, mit besonderem Fokus auf empfindliche Materialien und fragile Objekte. Dabei fiel das Tafelservice aus, das aus einer grossen ovalen Platte, zwei grossen runden Platten und vierundzwanzig kleinen Tellern besteht. Diese Objekte fielen dem Konservierungsteam auf, da sie einen ungewöhnliche Alterung der Oberfläche zeigten und der Zustand von dem abwich, was bei historischen Silberobjekten zu erwarten ist.
Das Tafelservice wurden zwischen 1820 und 1830 in Sankt Petersburg und Stuttgart für Mitglieder des russischen Kaiserhofs hergestellt. Das Tafelservice gelangte über die bayerischen Erbherren zur H. R. Dreyfus-Stiftung. Im Jahr 1969 wurde es dem HMB geschenkt und im Haus zum Kirschgarten ausgestellt, das 18 Jahre zuvor seine Türen öffnete.
Objekte als Gebrauchsgegenstände
Diese Objekte waren nicht Ausstellungsstücke im heutigen Sinne. Der Ansatz des Museums war damals bewusst immersiv: Die Objekte wurden so präsentiert, als seien sie noch in Gebrauch, auf Tischen neben Blumen, dekorativen Arrangements und manchmal auch mit Speisen gefüllt. Spuren von Reis auf der Oberfläche einer Platte deuten darauf hin, dass diese Platte Teil einer inszenierten Bankettkulisse waren.
Was heute nicht der gängigen Praxis entspricht, spiegelt das damalige Verständnis davon wider, wie Museumsobjekte erlebt werden sollten. Heute wird diese Nutzung vermieden, um Schäden zu vermeiden und die Geschichte der Objekte zu bewahren. Diese Platte sind somit nicht nur Zeugen des zaristischen Russlands und der Silberschmiedekunst des 19. Jahrhunderts, sondern auch der Geschichte des Museums selbst: der sich wandelnden Vorstellungen von Konservierung, Präsentation und der Beziehung zwischen Objekten und ihrem Publikum.
Zwei sehr unterschiedliche Zustände
Im Rahmen eines viermonatigen Praktikums in der Konservierung und Restaurierung historischer Metallobjekte, finanziert durch die Stiftung «In memoriam Adolf und Margreth Im Hof-Schoch», hatte Clotilde Petit, Studentin der Konservierung und Restaurierung, die Untersuchung und Behandlung dieses Tellerset als Hauptprojekt. Ein ausgesprochen zeitintensiver Prozess: Allein die Lackentfernung nimmt mehrere Arbeitstage in Anspruch, und auch die elektrochemischen Reduktionen erfordern einen erheblichen Zeitaufwand.
Die vierundzwanzig kleinen Teller weisen eine stabile und gleichmässige Korrosionsschicht auf, jene natürliche Verdunkelung von Silber, die sich allmählich durch den Kontakt mit der Umgebungsluft entwickelt. Auch wenn in dem Fall diese Schicht optisch unregelmässig und damit das ästhetische Erscheinungsbild der Teller beeinträchtigt ist, stellt sie keine Gefahr für die materielle Integrität der Objekte dar. Daher wurde diese auf den kleinen Tellern belassen.
Die drei grösseren Platten erzählten eine andere Geschichte. Ihre Oberflächen wiesen Tropfspuren, Fliessspuren, lokale Korrosion und kleine, längliche Ablagerungen auf, die sich in der Mitte konzentrierten. Dies deutete auf eine Substanz hin, die irgendwann aufgetragen worden war und sich inzwischen zersetzt hatte. 3D-Mikroskopaufnahmen bestätigten erhabene Rillen entlang der Ränder jedes Tropfens – ein klares Zeichen dafür, dass eine Flüssigkeit über die Oberfläche geflossen und an Ort und Stelle ausgehärtet war.
Was die Analysen enthüllten
Es folgte eine Analyse. Unter UV-Licht zeigten die Platten eine starke Fluoreszenz: das Kennzeichen einer Lackschicht. An mehreren Stellen haftete direkt daran Lagerpapier, was darauf hindeutete, dass der Lack nach dem Auftragen nicht nie vollständig getrocknet war. Eine chemische Analyse durch FTIR (Infrarotspektroskopie) identifizierte ihn als Acryl: höchstwahrscheinlich Paraloid, ein Produkt, das seit Mitte des 20. Jahrhunderts in der Konservierung verwendet wird. Es handelte sich um einen späteren, nicht originalen Eingriff, der ungleichmässig aufgetragen worden war und sich längst zersetzt hatte.
Die Röntgenfluoreszenzanalyse (XRF) des Metalls ergab, dass die Grundlegierung aus einer Mischung von Silber (~80–90%) und Kupfer (~10–20%) besteht. Dabei zeigte sich durchgehend ein höherer Silbergehalt auf der Rückseite jeder Platte als auf der Vorderseite. Dies lässt sich möglicherweise dadurch erklären, dass die Vorderseite der Platte, als die häufige gezeigte Seite, über die Jahrhunderte regelmässig poliert wurde, wodurch die ursprünglich auf dem gesamten Objekt vorhandene Silberanreicherungsschicht allmählich abgetragen wurde. Dies belegt, dass die Objekte kontinuierlich poliert und gepflegt wurden, und zeigt gleichzeitig, dass die mechanische Entfernung einer Anlaufschicht zu einem messbaren Materialverlust und mit der Entfernung der Silberanreicherung zur einer Farbveränderung führt.
Elektrochemische Analysen an der Haute Ecole Arc in Neuchâtel identifizierten drei Arten von Korrosion: Silbersulfid, Silberchlorid und Kupferoxid.
Eine schrittweise Behandlung
Jede konservatorische Entscheidung hat Folgen, und stabile Veränderungen werden unangetastet gelassen, wenn sie die Integrität des Objekts nicht gefährden. Die kleinen Teller wurden daher nicht behandelt.
Bei den drei grösseren Platten erfolgte die Behandlung in sorgfältig durchdachten Schritten. Der Lack wurde mit einem Lösungsmittelgel entfernt. Anschliessend reduzierten elektrochemische Bäder die Anlaufsflecken/-schicht, indem sie Korrosionsverbindungen wieder in metallisches Silber umwandelten. Material zu dabei nicht entfernen. Verbleibende Flecken wurden lokal mit dem Pleco retuschiert, einem von der Haute Ecole Arc in Neuchâtel entwickelten Elektrolytstift für die lokale Anwendung. Ein abschliessendes sanftes Polieren mit Champagnerkreide, einem weichen, feinen Sedimentgestein aus reinem Calciumcarbonat, harmonisierte die Oberfläche an einigen kleinen spezifischen Stellen.
Silber altern lassen
Nach Abschluss der Behandlung wurde die Frage nach dem Auftragen eines neuen Schutzlacks erwogen und verworfen. Die Objekte sind für die kontrollierte Lagerung bestimmt, nicht für die Ausstellung. Auch ein neuer Lack wird mit der Zeit altern und seine Schutzfunktion verlieren. Bei lackierten Silberobjekten muss die Schutzschicht daher alle 10 bis 15 Jahre erneuert werden, was einen erheblichen konservatorischen Aufwand bedeutet und ein gewisses Risiko birgt. Stattdessen setzt man auf die gezielte Kontrolle der Umgebungsbedingungen, insbesondere der relativen Luftfeuchtigkeit sowie der Konzentration von Schadstoffen wie Schwefelwasserstoff, um ein Anlaufen des Metalls zu verhindern oder zumindest deutlich zu verlangsamen. Eine langsam und gleichmässig gebildete Schicht kann so selbst eine Form des Schutzes darstellen, ohne die Lesbarkeit und das Erscheinungsbild des Objekts zu beeinträchtigen.