Die älteste Basler Trammarke?
Die knapp 3 cm grosse, unauffällige Marke aus Messing zeigt den Wagen Nr. 1 der «Basler Strassen-Bahnen» (BStB, heute Basler Verkehrs-Betriebe (BVB)). Es handelt sich wohl um die früheste «Trammarke» aus Basel. Von wann datiert sie, und was war ihre Funktion? Diese einfachen Fragen lassen sich zwar nur zum Teil befriedigend beantworten, werfen aber ein interessantes Streiflicht auf die Geschichte der Basler «Drämmli».
Alles begann am 6. Mai 1895 um 6:30 Uhr, als die erste elektrifizierte Strassenbahn auf Basler Boden die Strecke vom «Centralbahnhof» (dem heutigen Bahnhof SBB) zum Badischen Bahnhof (damals am heutigen Messeplatz) fuhr. Eine «Linie 1», wie wir sie heute kennen, gab es zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht, man sprach lediglich von den verschiedenen «Strecken». Dass die Strassenbahn staatlich finanziert wurde, war schweizweit ein Novum. Daher konnten die Fahrpreise günstiger angesetzt werden als bei den damals üblichen Transportmitteln privater Anbieter.
Die Elektrizität lieferte ein eigenes Kohlekraftwerk am Claragraben. Im ersten vollen Betriebsjahr (1896) beförderte die junge Basler Tram bereits 2,7 Millionen (!) Menschen: eine Zahl, mit der niemand gerechnet hätte.2 Bis 1965 basierte das Ticketsystem auf Teilstrecken-Tarifen. Von 1895 bis 1900 kostete eine Fahrt von bis zu zwei Teilstrecken (insgesamt 1’600 Meter) 10 Rappen, drei und mehr Teilstrecken 20 und ab 1900 30 Rappen.3 Die Tickets verkauften «Billeteure» («Billeteusen» gab es bis 1939 keine, regulär durften sie sogar erst ab 1961 bei der BStB bzw. BVB arbeiten!).4 Neben Einzeltickets (wohl aus Papier) wurden auch diverse Papier-Abonnements ausgegeben. 5 Trammarken und Transportjetons finden in der Literatur jedoch keine Erwähnung.
Die Trammarke des Wagens Nr. 1
Die vorliegende Marke ist so exakt ausgeführt, dass sich der darauf abgebildete Wagen als Typ «Ce 2/2 1» vom Januar 1895 identifizieren lässt. Das offene Vorder- und Hinterteil des Wagens sind – jeweils mit Steuer und Abgrenzungsseil – identisch gestaltet, der 20-PS-Motor befindet sich in der Mitte zwischen den Rädern, oben sind die elektrische Oberleitung und der Bügelstrom-Abnehmer erkennbar. Unterhalb der Fenster ist zweimal die Wagennummer 1 und in der Mitte der Baselstab im eingebuchteten Schild zu sehen, darunter in Frakturschrift «Basler Strassen-Bahnen». Der Stempel für diese Marke ist sehr präzise geschnitten, sodass auf der Marke selbst sogar fast alle Zierelemente der echten Wagen wiedergegeben sind. Der Jeton trägt die Inschrift «GRVPP», die auf den Graveur verweisen dürfte.
Trammarken waren in Deutschland, Italien und Frankreich recht üblich. In der Westschweiz kamen solche als Fahrkarten dienenden, münzähnlichen Objekte bereits im frühen 19. Jahrhundert auf. Grundsätzlich ist auf diesen Marken abzulesen, zu welcher Fahrt sie berechtigten.
Unser Jeton hingegen verrät nichts dergleichen, obschon seine Machart und sein allgemeines Aussehen auf eine Datierung um 1900 schliessen lassen. Aber welchen Verwendungszweck erfüllte diese Marke? Der schlechte Erhaltungszustand der Marke spricht zwar dafür, dass sie rege in Gebrauch war, zugleich scheint sie aber sehr selten gewesen zu sein, denn bislang ist unser Exemplar ein unpubliziertes Unikum, was für ein gewöhnliches Transportticket unüblich ist.
Eine besondere Fahrkarte?
Die sorgfältige (und offiziell in Auftrag gegebene?) Lochung wiederum lässt vermuten, dass die Marke wohl zusammen mit anderen Stücken an einer Schnur oder einem Metallring getragen wurde. Auch eine Deutung als Medaille oder Erinnerungsstück überzeugt nicht, denn Medaillen sind in der Regel von höherer künstlerischer Qualität oder anderer Gestaltung sowie meist zweiseitig und mit einer Aufschrift versehen; zudem können sie zwar gelocht sein, haben aber eher eine Öse, die die Abbildung nicht stört. Daher dürfte der Verwendungszweck dieser Marke trotz allem am ehesten dem einer besonderen Fahrkarte entsprechen.
Zahlreiche Transportjetons aus anderen Schweizer Städten stützen zumindest teilweise diese Interpretation. Fand das vorliegende Stück also möglicherweise bei Dienstgängen innerhalb der städtischen Verwaltung oder der BStB-Belegschaft Verwendung? Oder handelte es sich bei diesen Marken – denn man muss wohl von mehr als einem Exemplar ausgehen – vielleicht doch um reguläre Fahrausweise? Eine abschliessende Deutung gestaltet sich momentan schwer. Wie dem auch sei, diese Marken aus Metall gerieten nach ihrer vermuteten Entstehungszeit (ca. 1895–1900) offenbar rasch ausser Gebrauch, denn sonst müssten sie heute in höherer Stückzahl erhalten sein.