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Das Geheimnis des Basler Wachstafelbuchs

Über 130 Jahre lag es in einem Depot – vollgekritzelt mit Schriftzeichen, die niemand entziffern konnte, und einer Herkunft, die niemand kannte. Jetzt ist das Rätsel um das geheimnisvolle Wachstafelbuch gelöst: Es handelt sich um das Rechnungsbuch eines Frauenklosters, verfasst im 14. Jahrhundert.

Acht Tafeln, ein Rätsel

Das Buch besteht aus acht dicht beschriebenen Wachstafeln, eingefasst zwischen zwei Deckeln aus Rotbuchenholz und einem Rücken aus Schweinsleder. Die Inschriften sind über die Jahrhunderte fast unleserlich geworden, sein guter Erhaltungszustand verrät jedoch, dass das Buch sorgfältig aufbewahrt wurde. In die Sammlung kam es über den Basler Rechtsgelehrten Remigius Faesch (1595–1667); 1823 ging es per Gerichtsbeschluss an die Universität Basel über, später ans Historische Museum Basel. Wie alt das Buch genau ist und woher es stammt, blieb lange unklar. Ein Forschungsteam hat dieses Rätsel nun mit naturwissenschaftlichen Methoden und mittels Erforschung der Schriftzeichen gelöst.

Was das Wachs verrät

Die Forschenden datierten Holz, Leder und Bienenwachs mit der Radiokarbonmethode. Diese nutzt den radioaktiven Zerfall des Kohlenstoffisotops C-14, das nach dem Tod einer Pflanze oder eines Tieres nicht mehr aufgenommen wird – aus dem verbleibenden Rest lässt sich das Alter des Materials zurückrechnen.

Das Ergebnis: Das Wachs stammt aus dem 14. Jahrhundert, wobei einzelne Proben bis zu 70 Jahre Unterschied aufweisen – ein Hinweis darauf, dass die Wachsoberfläche im Laufe der langen Nutzung mehrfach erneuert wurde. Das Holz der Buchdeckel wurde um das Jahr 1300 gefällt. Der Ledereinband ist noch älter: Er entstand um 1280 und stammt offenbar von einem früheren Buch, dessen Einband zurechtgeschnitten und wiederverwendet wurde. Dies verraten auch die feinen Längsrillen im Leder – Abdrücke alter Buchseiten, deren Masse nicht zu den heutigen Wachstafeln passen.

Vier Schreiber, zwei Jahreszahlen

Parallel zur naturwissenschaftlichen Analyse nahm sich ein Handschriftenspezialist der Schrift selbst an – eine Detektivarbeit, denn das Wachs ist im Laufe der Zeit ausgetrocknet und blättert in spröden Schichten ab. Geschrieben wurde mit einem Metallgriffel: Mit dem spitzen Ende ritzte man die Buchstaben ein, mit dem flachen Ende löschte man sie wieder. Damit das Geschriebene lesbar war, strichen die Schreiberinnen und Schreiber weisse Kreide über die Vertiefungen – der Kreidestaub setzte sich in den Rillen ab und liess die Schrift hervortreten. Wollte man Platz für Neues schaffen, wurde die Wachsschicht abgetragen und erneuert. So liessen sich die Tafeln immer weiterverwenden.

Anhand der Schriftbilder identifizierte der Spezialist mindestens vier verschiedene Handschriften, alle typisch für das 14. Jahrhundert. Zwei eingeritzte Jahreszahlen – lxxxix und lxxix, gelesen als (13)89 und (13)79 – bestätigen die Datierung und decken sich mit den C-14-Ergebnissen.

Wein, Bohnen und ein Frauenkloster

Inhaltlich verzeichnet das Buch Bestand und Verbrauch von Gütern wie Getreide und Bohnen sowie die dazugehörigen Einnahmen und Ausgaben. Auch verschiedene Weine tauchen auf, darunter Elsässer und Schlienger Landwein, ebenso die Ämter der Küsterin und der Oberkellerin. Damit ist klar: Es handelt sich um das Rechnungsbuch eines Frauenklosters.

Welches Kloster, lässt sich über die darin genannten Orte bestimmen. Nur eine einzige Frauenkommunität besass im 14. Jahrhundert Ländereien in Schliengen, Erlinsbach und Windisch: das Kloster Königsfelden! Damit liegt nun ein Rechnungsbuch des Klosters Königsfelden aus dem 14. Jahrhundert vor – ein aussergewöhnlich seltenes Zeugnis, für das es in Europa nur wenige Vergleichsstücke gibt.

Quelle

Pia Kamber, Claudia Moddelmog und Martin Steinmann: Das Basler Wachstafelbuch aus dem 14. Jahrhundert. Ein Rechnungsbuch aus dem Kloster Königsfelden – neue Forschungsergebnisse zu Alter und Herkunft, in: Zeitschrift für Archäologie und Kunstgeschichte 1, Band 83, Heft 1/2026, S. 67–88.

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