«Wirts-Manier»
«Wirts-Manier» - 1

«Wirts-Manier»

Werkstatt Anton Sohn, Zizenhausen (Baden-Württemberg)
um 1830/50
Ton, aus der Form genommen, gebrannt, bemalt
H. 16 cm, B. 19 cm
Inv. 1900.10.

Bildauflösung:
4357px x 3454px

CHF 40.00

in den Warenkorb

Die Figurengruppe aus gebranntem und bemaltem Ton trägt auf dem Sockel die Beschriftung «Wirths= Manier – Manières des Aubergistes» und liefert damit den Schlüssel zur Deutung der Szene: Dargestellt ist das ungleiche Verhalten eines Wirtes gegenüber wirtschaftlich nicht gleichgestellten Gästen. Der Wirt steht oben auf einer Treppe und wendet sich in geneigter, fast demütiger Haltung einem elegant gekleideten Reisenden zu. Dessen grosskarierter Mantel entspricht der typisierenden Darstellung englischer Reisender, und der auf dem Kopf belassene Zylinder zeigt an, dass sich der englische Gentleman für sozial eindeutig überlegen hält. Gepäck ist nicht zu sehen, der Herr reist wohl mit Diener und Kutsche. Ganz anders der sich von der anderen Seite nähernde Handwerksgeselle: Er zieht höflich zur Begrüssung eine Kappe vom Kopf und blickt dem Wirt offen, ein wenig unsicher entgegen.
Doch ohne Erfolg. Der Handwerker, der durch Kittel, Wanderstock und Rucksack eindeutig als solcher zu erkennen ist, wird als nicht willkommener Gast eingestuft und entsprechend unfreundlich empfangen. Der zurückgelegte Kopf, der abweisende Blick und die auf dem Rücken zusammengelegten Hände des behäbig und beleibt auftrumpfenden Wirtes sprechen eine deutliche Sprache: Ein Handwerksgeselle, von dem nur eine kleine Zeche zu erwarten ist, ist bei diesem Wirt kein willkommener Gast.
Die Vorlage zu dieser Zizenhausener Gruppe stammt – wie in so vielen Fällen – vom Basler Maler Hieronymus Hess (1799–1850; Kat. 135). In der Schilderung der Wirtsmanier erweist er sich als scharfsichtiger Karikaturist, der die beiden so unterschiedlichen Verhaltensweisen des Wirtes treffend durch Haltung, Gestik und Mimik charakterisiert.
Mit dem antiken Motiv der Janusköpfigkeit werden die zwei Gesichter dieses Menschen sehr direkt bezeichnet. Die Bezeichnung auf dem Sockel, die Typenhaftigkeit der drei Dargestellten und das Motiv des Januskopfes machen deutlich, dass es sich nicht um eine singuläre Begebenheit, sondern um eine Darstellung mit generellem Charakter handelt. Dass die Sympathie des Künstlers dem Handwerksburschen gilt, unterliegt keinem Zweifel.

Weitere Bilder zu "Keramik"