Tulpenbecher, Hersteller: Basler Goldschmied Martin Huber

Tulpenbecher, Hersteller: Basler Goldschmied Martin Huber

Herstellungsort unbekannt, 17. Jh.
H. 28,8 cm, Gewicht 272 g
Inv. 1946.55.

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Der Pokal ist aus mehreren Teilen zusammengesetzt. Zwischen der tulpenähnlichen Kuppa und dem flach gewölbten, in der Mitte hochgezogenen Fuss wurde als Schaft ein gegossener Vogel Strauss eingesetzt. Die Verbindungsstellen werden durch gekräuseltes Silber kaschiert. Kuppa und Fuss sind feuervergoldet, der Schaft und das Gekräuse sind ausgespart und setzen sich visuell von den anderen Teilen ab.
Fuss und Kuppa sind gekonnte Treibarbeiten. Zwischen Akanthusranken tummeln sich je vier Vögel: auf dem Fuss ein Pfau, ein Schwan, ein Truthahn und ein Huhn, auf der Kuppa ein Pfau, eine Ente, ein Truthahn und eine Truthenne.
Derartige tulpenartige Pokale oder Becher waren in Basel in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts äusserst beliebt, auch wenn sie keine Basler Erfindung sind. Vorbilder solcher Pokale sind im grossen Goldschmiedezentrum Augsburg zu suchen, das zu dieser Zeit auf den ganzen süddeutschen Raum und die deutschsprachige Schweiz ausstrahlt. Der Basler Goldschmied Martin Huber hat nach seiner Lehrzeit bei Gregor I. Brandmüller (1621–1689) in Basel die wichtigsten Goldschmiedezentren Europas besucht: Augsburg sowie verschiedene Städte in Frankreich, England und den Niederlanden. Aus mehreren getriebenen Elementen und figürlichen Gussteilen zusammengesetzte Pokale hat er spätestens dann kennengelernt. Es darf vermutet werden, dass der gegossene Vogel Strauss von einem anderen, auf Gussformen spezialisierten Goldschmied erworben wurde, denn dasselbe Gussmodell wurde für den Schaft bei einer Muschelschale mit Träger von dem Basler Goldschmied Johann Ludwig Mieg (1637–1725) verwendet, der im Übrigen fast gleichzeitig mit Huber bei Brandmüller in der Lehre war (Historisches Museum Basel, Inv. 1882.146.). Neben zahlreichem protestantischem Abendmahlsgerät gehört eine Gruppe von etwa 15 Pokalen zu den herausragenden Arbeiten dieses Goldschmiedes. Seine Treibarbeiten sind von höchster Qualität und die verwendeten Schaftfiguren, seien sie nun von Huber selbst oder auswärts bezogen, sind sehr abwechslungsreich: Göttinnen, Krieger, Engel und Putti, ein Afrikaner, ein Löwe und der Strauss.
In Gegensatz zu den vor allem im 15. und 16. Jahrhundert in fürstlichen Kunstkammern beliebten exotischen Straussenei-Pokalen, denen allerlei meist heilende Wirkungen nachgesagt wurden, ist die Verwendung des Strausses bei Huber nicht überzubewerten. Abbildungen von Straussen waren zu dieser Zeit allgemein beliebt. Aus Basel kennen wir beispielsweise auch einen Becher mit einer eingravierten Straussenjagd, ebenfalls von Mieg (Privatbesitz).
Ohne Zweifel wurde der Strauss aber passend zu den auf Kuppa und Fuss dargestellten Vögeln ausgewählt. Das Rankenwerk mit Vögeln entspricht genau den Studienzeichnungen, die der junge Zürcher Goldschmiedelehrling Dietrich Meyer d. J. (1651–1733) bei seinem Aufenthalt in Basel vom 23. April 1670 bis Mitte Mai 1671 angefertigt hat (Abb. unten). Ein weiteres Blatt aus Meyers Skizzenbuch zeigt einzelne Vogelstudien (Skizzenbuch II, Blatt 14; Kunsthaus Zürich, Grafische Sammlung), diese Bleistiftzeichnungen sind datiert mit «Basell den 4t Junÿ Ao. 1670». Das gemeinsame direkte Vorbild dürfte in Augsburg zu suchen sein. Ein nur aus schriftlichen Quellen bekannter Entwurf von Johann Ulrich Stapf oder Johann Conrad Reuttiman aus Augsburg zeigt ein solches Rankenwerk mit Vögeln. Die stilistisch ähnlichen, weit verbreiteten Vorlagen des Franzosen Jean Le Pautre, die selbstverständlich auch in Augsburg rezipiert, kopiert und als Inspirationsquelle für eigene Entwürfe verwendet wurden, können als direktes Vorbild ausgeschlossen werden. Sie zeigen zwar viel Rankenwerk, doch keine Darstellungen von Vögeln.
Dass der einer alten Zürcher Maler-, Stecher- und Goldschmiedefamilie entstammende Dietrich Meyer während seiner Goldschmiedelehre nicht nur die beiden grossen Zentren Augsburg und Amsterdam besuchte, sondern auch zwei längere Studienaufenthalte in Basel eingelegt hat, beweist, dass die Goldschmiedekunst in Basel in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eine ihrer Hochblüten hatte. Die meisten Vorbilder sind zwar an anderen Orten zu suchen, dennoch zeigen die datierten Skizzen des Dietrich Meyer und der demzufolge ebenfalls auf spätestens um 1670 zu datierende Straussenpokal des Martin Huber, dass damals in Basel die neuesten internationalen Modeströmungen rezipiert wurden.

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