Springende und tanzende Narren (Moriskentänzer)

Springende und tanzende Narren (Moriskentänzer)

Oberrhein
spätes 15. und frühes 16. Jahrhundert
Hll. Sebastian und Barbara:
Silber, Kupferlegierung
H. 2,2 cm, Inv. 1882.114.18. u. 2003.68.
Bauern: Silber, teilweise vergoldet
H. ca. 2,5 cm, Inv. 1882.115.1.–10.
Papagei: Silber, L. 3,5 cm, Inv. 1882.117.15.
Papagei: Blei, L. 3,1 cm, Inv. 1904.1898.
Reiher: Silber, L. 2,2 cm, Inv. 1882.117.30.
Moriskentänzer: Silber, teilweise vergoldet, H. 2,5 cm, Inv. 1882.115.11.–19.

Bildauflösung:
394px x 394px

CHF 40.00

in den Warenkorb

Anders als bei den Hunderten von Goldschmiedemodellen aus Blei nennt Amerbach bei den separat aufbewahrten Silberfiguren im Inventar D von 1585–87 die Quelle, der er seine preziöse Kollektion verdankt. Im viel knapperen Inventar A von 1577–78 erwähnt Amerbach weder den Verkäufer noch führt er die Silberfiguren getrennt an, aber dank der Aufzeichnungen von Amerbachs Neffen und Erben Ludwig Iselin wissen wir, dass der Goldschmied Hans Jacob Hoffmann d. J. (1544–1599) die «patrones omnis generus» (Landolt 1991, S. 285) zwischen 1576 und 1578 veräusserte.
Hoffmann war mit den Hinterlassenschaften seines jung an der Pest verstorbenen Bruders, des Goldschmieds Samuel Hoffmann (1555–1577), betraut. Der Goldschmied Gangwolf Fridmann kaufte das Haus Samuels, hatte an den Modellen aber offensichtlich kein Interesse, was angesichts der spätgotischen und damit um 1576/1578 längst altmodischen Formensprache nicht verwundern mochte. Auch Samuel Hoffmann verwendete die Modelle wohl kaum selbst, sondern hatte sie seinerseits von dem aus Thann stammenden Balthasar Angelroth (zünftig 1507, † 1544) übernommen. Von dessen Bruder Caspar, der ebenfalls als Goldschmied in Basel wirkte, ist schliesslich eine Monstranz aus dem Jahr 1516 (Sachseln OW, St. Theodul) erhalten, von der zwei kleine Heiligenfiguren, die Heiligen Sebastian und Barbara, als Silberfigürchen in Basel wiederkehren (s. S. 245, Abb. M; Fritz 1982, 282f, Nr. 696–697).
Nur wenige Jahre später, aber stilistisch einer anderen Epoche angehörend, sind die silbernen Paare tanzender Bauern (s. S. 244, Abb. i) entstanden. Sie lassen sich teilweise auf einen Metallstich Hans Holbeins d. J., der 1523 erstmals in dem Werk Paradoxorum ad patrum von Andrea Alciato erschien, sowie einen Kupferstich Barthel Behams von 1524 zurück führen (Pauli 1901, Nr. 47, zu Inv. 1882.115.5. u. 7.; Müller 1997, Nr. 43, zu Inv. 1882.115.3. u. 6.). Kurz zuvor, um 1520, waren ähnliche Bauernpaare Teil der Fassadenmalereien des Hauses zum Tanz, die Holbein für den schon erwähnten Balthasar Angelroth entwarf (Müller 1996a, S. 80–82), und noch um 1545 säumten die tanzenden Bauern die Säule des später so- genannten Holbeinbrunnens (Landolt 1984b). Wegen der Popularität der Tänzer sind sicher auch die Silberfiguren in das zweite Viertel des 16. Jahrhunderts zu datieren, in Anbetracht ihrer Provenienz und der Bezüge zu seinem Hause wohl in der Werkstatt Balthasar Angelroths. Ein verspätetes Echo fanden sie 1613 an einem Trinkgefäss der Zunft zu Weinleuten von Hans Lüpold (Inv. 1889.13.), von den Rezeptionen im Werk Ulrich Sauters im 20. Jahrhundert ganz zu schweigen (Inv. 1954.223., 1987.987.).
Die enge Abhängigkeit von grafischen Vorlagen verraten unter den Silberfigürchen auch diverse Vögel, wie zum Beispiel ein Papagei, der auch in einer Bleiversion vorliegt (s. S. 244, Abb. G), oder ein Reiher. Ähnliche, hier auf Ranken sitzende Vögel bevölkern ein Blatt mit ornamentalen Entwürfen von etwa 1470/1480, heute im Basler Kupferstichkabinett (s. S. 247, Abb.; Falk 1979, Nr. 21).
Allen silbernen Figürchen ist die detaillierte Ziselierung gemein, und manche – wie die Moriskentänzer (s. S. 245, Abb. Q) und die Bauernpaare – sind überdies teilweise vergoldet. Da die feine Ausarbeitung für die wiederholte Abformung und den Nachguss obsolet gewesen wäre, sind diese Figuren nicht als Goldschmiedemodelle zu bezeichnen, was auch schon Amerbach nicht tat. Offenbar handelte es sich um einen Figurenvorrat der Goldschmiede, der zur weiteren Verarbeitung an Gefässen, Agraffen oder Anhängern bereit lag, den Amerbach aber vermutlich zusammen mit übrigem Werkstattinventar gerne in seine Sammlung aufgenommen hat. Weil manche der Figuren stilistisch deutlich noch dem vergangenen Jahrhundert verhaftet waren und zugleich Heiligenfiguren an liturgischen Gefässen nach der Reformation in Basel keine Verwendung fanden, warteten sie offensichtlich vergeblich auf ihre Verwendung durch den Goldschmied. RB

Weitere Bilder zu "Bildwerke"