Reiseklistierstuhl

Reiseklistierstuhl

Herstellungsort unbekannt, Anfang 19. Jh.
Nussbaum, Leder, Messing, Zinn
H. 11 cm, B. 22,5 cm, T. 44 cm (zusammengelegt)
H. 42 cm, B. 23 cm, T. 44,5 cm (aufgestellt)
Inv. 1923.437.

Bildauflösung:
3243px x 4094px

CHF 40.00

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Bei diesem aus dem Segerhof am Blumenrain stammenden Klistierstuhl für die Reise handelt es sich möglicherweise um jenes Exemplar, dessen Kauf der Basler Kaufmann und Besitzer des Segerhofs Philipp Burckhardt- Pelletier (1765–1849) in seinem Notizbüchlein vermerkt: «1819, April 3. eine Clystier-Spritze samt Gestell». Diese Anschaffung war damals nichts Aussergewöhnliches: Die ballaststoffarme Ernährungsweise mit schwerverdaulichem dunklem Fleisch, mit vielen fetten Speisen und hellem Brot sowie die bequeme Lebensweise bewirkten, dass Verdauungsprobleme in den Kreisen der Oberschicht fast an der Tagesordnung waren. Man begegnete ihnen mit radikalen Methoden, am häufigsten durch die Anwendung von Einläufen oder Klistieren, d. h. Flüssigkeiten mit aufweichender Wirkung, die durch den After in den Darm injiziert wurden.
Da Verdauungsbeschwerden auf Reisen durch die Veränderungen in Nahrung und Lebensweise besonders stark waren – ein allgemeines, nicht nur damals akutes Problem –, hatte der italienische Arzt Giovanni Alessandro Brambilla (1728–1800) einen transportablen Selbstklistier- Apparat entwickelt, von dem sich in Museumssammlungen etliche Exemplare erhalten haben. Die Beine konnten abgeschraubt und zusammen mit der Klistierspritze im Innern des kompakten Holzkastens, der eine lederbezogene Sitzfläche besass, verstaut werden. Im 41. Band (1787) der «Oeconomischen Encyclopädie» von Johann Georg Krünitz (1728–1796) heisst es zur Anwendung: «Um sich Klystiere selbst bequem beyzubringen, bedienen sich Personen […] eines so genannten Bidet, d. i. einer mit einer horizontalen und hernach wieder aussteigenden Röhre versehenen und vertical gerichteen Klystier=Spritze, welche in einem mit Füßen versehenen Kasten liegt, aus welchem die Spritze mit dem Stämpel und das in den After zu bringende Röhrchen hervor ragen; das eine Ende mit dem Röhrchen wird im Niedersetzen in den After gesteckt; die vordere mit einer Schraube versehene Röhre nimmt die Klystier=Spritze auf. Wenn die zum Klystier bestimmte Flüssigkeit in den Cylinder gegossen worden ist, schraubt man die Stößel=Schraube auf den Cylinder, um den Stößel langsam herab zu stoßen. Vermittelst dieser Maschine kann sich zwar jemand, so oft er Lust hat, klystieren.» Trotz der Möglichkeit, den Apparat zusammenzulegen, war ein solches Gerät nur bei Reisen mit der eigenen Kutsche ohne Probleme mitzunehmen. Aufgrund ihrer andersartigen Lebensweise haben es Wandergesellen oder -händler wohl auch nicht benötigt.

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