Einhornrelief
Einhornrelief - 1

Einhornrelief

Oberrhein (?), um 1500
Walrosszahn
H 3,7 cm, B. 5,8 cm, T. 2,4 cm
Inv. 1884.142.

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Bonifacius Amerbach, Münzverzeichnis, 1552, Sp. 14, Z. 5.: «9. Item ein einhorn in einem Einhorn. Kost X batzen» (Landolt 1991, S. 120);Testamentsentwurf des Basilius Amerbach, 1582: «Ein einhorn in einhorn geschnitten» (Landolt 1991, S. 277); Inventar D 1585–87, S. VII, Z. 35–36: «ein einhorn geschnitten in ein horn, weis nit ob ich sagen sol, einhorn» (Landolt 1991, S. 151); Acta et Decreta des Universitätsjahres 1662/63: «fractum Vnicornu caelatum» (StAB: Universitätsarchiv, B 3, S. 18; zit. Nach Landolt 1991, S. 206, Anm. 5); Inventar G 1662, Korrekturen von 1664, p. 3, Z. 12: «Den 19. 8bris Ao 1664 seind aus dem Trunco Academico erhebt vnd widerumb in den Tisch in die erste Schubladen gelegt worden. Ein Einhorn geschnitten in ein horn so für Einhorn angeben worden […]» (Landolt 1991, S. 205, Z. 9–12).

Aus dem Stück eines Walrosszahnes von der Grösse einer Streichholzschachtel hat der Bildschnitzer die reizvolle Darstellung eines Einhorns im Wald herausgeschnitzt. Mit beeindruckender Präzision sind die Details des zierlichen Tieres wiedergegeben: die gedrehte, schräg nach unten gerichtete Stirnwaffe, seine ondulierte Mähne, die Nüstern, das weit geöffnete Auge, die Hufe, das Genital sowie sein nach oben schwingender Schweif, den man für einen Ast mit Blättern halten könnte. Mit feinen Riefelungen sind der Waldboden sowie die Fläche hinter dem Einhorn gestaltet. Die differenziert mit knorrigen Stämmen und dichtem Laub dargestellten Bäume sind – wie man in der Schrägansicht erkennen kann – an den Seiten hintereinander gestaffelt und verleihen dem Relief eine tiefenräumliche Wirkung.
Als «ein einhorn in einem Einhorn» bezeichnete Bonifacius Amerbach dieses kleine Relief, das innerhalb seines 1552 erstellten Verzeichnisses seiner Münzen und Medaillen eine Ausnahme bildet und auch als Einziges mit einer Wertangabe – «kost X batzen» versehen ist. Ging der Vater des Sammlers also noch davon aus, dass die Darstellung des Einhorns aus der Stirnwaffe des legendären Tieres selbst geschnitzt sei, so hegte sein Sohn Basilius über dreissig Jahre später Zweifel an der «Echtheit» des Materials: «ein einhorn geschnitten in einhorn, weis nit ob ich sagen sol, einhorn». Tatsächlich hatte es der Schnitzer des Reliefs darauf angelegt, die Vorstellung zu wecken, es handele sich bei dem Material um das kostbare Horn des Einhorns. Auf der Rückseite des Reliefs ritzte er nämlich schräg verlaufende Kanneluren in die Oberfläche ein, die das Erscheinungsbild des gedrehten Einhorns nachahmen.
Das vermeintliche Horn des Einhorns – in Wirklichkeit der bis zu 2,60 m lange, spiralförmig gedrehte Stosszahn des arktischen Narwals – gehörte zu den begehrtesten Kostbarkeiten frühneuzeitlicher Kunstkammern. Sammler waren bereit, Unsummen dafür zu bezahlen, da dem Horn nicht zuletzt heilende Kräfte, beispielsweise von Vergiftung, zugesprochen wurden (Kat. Wien 2006, S. 248–259 [Margot Rauch]).
Die Vorstellung des einhörnigen Fabeltieres hat ihre Wurzeln in der Antike: Der griechische Arzt Ktesias aus Knidos (4. Jh. Vor Chr.) berichtet von diesem seltsamen Tier aus Indien, auch Plinius beschreibt in seiner Enzyklopädie Historia Naturalis (um 79 n. Chr.) das «unicornis» als wildes Tier. Im Mittelalter fand der Mythos besonders durch das frühchristliche Kompendium der Tiersymbolik Physiologus aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. Verbreitung. Hier wird beschrieben, dass sich das scheue Einhorn nur von einer Jungfrau zähmen liesse. Es galt in der mittelalterlichen Ikonografie als Symbol der Reinheit und Keuschheit. Sebastian Münsters 1544 in Basel erschienene Cosmographia, die bis ins 17. Jahrhundert vierundzwanzig Auflagen erlebte, trug mit der Darstellung des Einhorns zur Festigung der Vorstellung vom Erscheinungsbild des zierlichen Fabeltieres bei (Abel 1939, S. 126, Abb. 95).
Zweifel an der realen Existenz des Fabeltieres kamen allmählich im 16. und 17. Jahrhundert insbesondere bei Naturkundigen angesichts der Kenntnis des Narwals auf. Der Universalgelehrte Conrad Gessner nahm in sein erstmals 1551 in Zürich erschienenes Thierbuch neben anderen Fabelwesen auch das Einhorn mit einer Abbildung auf, bemerkte jedoch kritisch, es sei noch keines nach Europa gekommen.
Unter den zahlreichen Darstellungen des Einhorns in mittelalterlichen Handschriften, auf Bildteppichen, Minnekästchen und Ofenkacheln ist das Tier auf unserem Relief in seiner Zierlichkeit dem Einhorn auf einem Basler Wirkteppich von um 1475 (Inv. 1870.745.) und in einem um 1461 entstandenen Kupferstich des Meister E.S. im kleinen Kartenspiel (Einhorn 1976, S. 328, Nr. 214, Abb. 74) vergleichbar. Eine Entstehung um 1500 im oberrheinischen Raum ist daher gut möglich, lässt sich jedoch mangels ähnlicher Stücke nicht untermauern.
Wie sehr Basilius Amerbach dieses aussergewöhnliche Kunstwerk schätzte, zeigt, dass er es unter den Kuriositäten und Kostbarkeiten, die er in einer der beiden Schubladen des grossen Sammlungstisches aufbewahrte – darunter die Pax-Tafel (Kat.-Nr. 80) –, an erster Stelle inventarisierte. Als Student hatte er bei seinem Venedigaufenthalt am Himmelfahrtstag 1554 die berühmten «Einhorn-Hörner» aus dem Kirchenschatz von San Marco auf dem Hochaltar gesehen und seinem Vater davon berichtet: «etiam duo vnicornis cornualicet uidere» (Landolt/Ackermann 1991, S. 89).
Noch im 17. Jahrhundert schätzte man den Wert des Einhorn-Reliefs beachtlich hoch ein: Nach dem Ankauf des Amerbach-Kabinetts durch die Stadt wurde es 1662 zusammen mit zwei ungarischen Goldstücken aus dem Besitz des Erasmus von Rotterdam und der silbernen Eidechse (Kat.-Nr. 33) aus dem Sammlungsbestand herausgenommen, sicher verwahrt und erst zwei Jahre später wieder in die Amerbachsammlung eingegliedert (Landolt1991, S. 205, Z. 9–12). Dennoch nahm das Einhornrelief später einen anderen Weg als die meisten Objekte aus dem Amerbach-Kabinett, die im Historischen Museum Basel seit 1870 als «alter Bestand» inventarisiert wurden. Es gehörte zu jenen Stücken, die nach der Übergabe in die öffentliche Hand nach 1664 unter ungeklärten Umständen aus dem Sammlungszusammenhang herausgelöst wurden. Glücklicherweise gelangte das kuriose Schnitzwerk 1884 als Schenkung aus Basler Privatbesitz in die Mittelalterliche Sammlung.

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