Drei Fotografien aus einem Pensionat

Drei Fotografien aus einem Pensionat

Atelier Bruder frères, Neuchâtel, Ende 19. Jh.
Fotografie
H. 6,4 cm, B. 10,5 cm
Inv. 1969.369.

Bildauflösung:
3417px x 4194px

CHF 40.00

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Das sogenannte Welschlandjahr, der meist einjährige Aufenthalt heranwachsender Mädchen in einem Pensionat der französischsprachigen Schweiz, war für viele bürgerliche Frauen des 19. Jahrhunderts eine der wenigen Erfahrungen von «Fremde» während ihres Lebens. Die räumliche Entfernung von Basel bis an den Neuenburger-, Bieler- oder Genfersee war nicht unbedingt weit, aber doch mit einer langen Trennung von Familie und Freundeskreis verbunden.
Der Weltanschauung der Familie entsprechend, wählte man entweder religiös oder weltlich ausgerichtete Pensionate.
Ausführlich berichtet die aus grossbürgerlichen Verhältnissen stammende Baslerin Charlotte Louise Burckhardt (1877–1918), die 1894 in das Pensionat der Madame Henriot de Gélieu in Colombier am Neuenburgersee eintrat, in Tagebüchern und Briefen über ihren Alltag dort.
Sie schildert, wie neben dem eigentlichen Unterricht, vor allem in den Sprachen Englisch und Französisch, auch Gebete, Gymnastik- und Tanzübungen, Gesangstunden und kleinere Hausarbeiten auf dem Stundenplan standen.
Mit einer vertrauten Freundin aus Basel teilte sie das Zimmer; die anderen der insgesamt 15 Mädchen stammten aus Deutschland, England und Schweden. So kam Internationalität in den Alltag, und die Mädchen lernten durch die Erzählungen ihrer Freundinnen etwas von der Welt kennen. Vom Besuch eines Fotografen, der die Schülerinnen und Lehrerinnen zu einem gefälligen Gruppenbild arrangierte, schreibt sie ebenfalls. Das entsprach wohl einem allgemeinen Bedürfnis der Mädchen, vielleicht nicht gerade zu jenem Zeitpunkt, sicherlich aber beim nicht allzu weit entfernten Abschied. Denn nach einiger Zeit gingen sie, im Idealfall gereift und weltgewandter als zuvor, wieder auseinander.
Ob man sich noch einmal wiedersehen würde, war unsicher. So nahmen Fotografien mit den auf der Rückseite verzeichneten Namen der Dargestellten und gefühlvolle Einträge in Souveniralben eine wichtige Rolle in der Erinnerungskultur dieser Heranwachsenden ein.
Für Charlotte Louise Burckhardt nahm die Zeit im Welschland ein abruptes Ende. Nach der Rückkehr von den Ferien daheim erlitt sie im Pensionat einen dramatischen Anfall von Heimweh. Dieser führte zu tagelangen Weinkrämpfen und flehenden Briefen an die Eltern, man möge sie nach Hause holen. Die Eltern und die Pensionsinhaberin verständigten sich und liessen die Pensionatszeit von Charlotte Louise Burckhardt vorzeitig enden.

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