Abguss des Sattelbogens des Kaisers Maximilian II.

Abguss des Sattelbogens des Kaisers Maximilian II.

nach Wenzel Jamnitzer (Wien 1507/08 – 1585 Nürnberg)
Nürnberg, um 1570
Gips
H. 23 cm, B. 27,5 cm, T. 15 cm
Inv. 1943.200.

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Der gipserne Torso ist das Abbild eines kostbaren verlorenen Sattels, von dem selbst im Abguss nur noch der fragmentierte vordere Bogen erhalten geblieben ist. Als strukturbildendes Element dient plastisch aufgefasstes Rollwerk, das sich in breiten Voluten vorwiegend nach innen einwickelt. Im Übergang zu den unteren flacheren Partien sitzen Löwenmasken. Dem konvexen Schwung der Voluten antworten konkave Muscheln, die über üppigen Fruchtkränzen die Zwischenräume in dem Rollwerk besetzen. Daraus wächst die Halbfigur einer Caritas hervor, die zwei Kinder symmetrisch zueinander an sich drückt. Mit ihren überkreuzten Händen halten die Kinder ein Herz. Allen Figuren fehlt der Kopf, der bei der Hauptfigur wenigstens zeitweise über eine Bohrung im Hals fixiert war. Die Tugendallegorie ist mit einem kurzärmeligen Gewand bekleidet, das von festem Schweifwerk überzogen und mit Löwenmasken auf den Schultern verziert ist.
Die aufschlussreichen Einträge in den Inventaren Amerbachs benennen die Hintergründe des Objekts. Zunächst hatte Amerbach den Abguss in vollständigerem Zustand in seiner Sammlung, als er es heute ist. 1662 war er schon in zwei Teile zerbrochen, von denen der eine verloren gegangen ist. Schöpfer des Sattels war der damals bedeutendste Goldschmied im deutschsprachigen Raum, der Nürnberger Wenzel Jamnitzer. Schliesslich lässt sich auf Kaiser Maximilian II. (1564–1576) als jene Person schliessen, für den das silberne Original bestimmt war. In der Forschung wird seit Reinhardt 1958 die Krönung Maximilians im Jahre 1564 als Anlass für die Fertigung des Sattels erwogen. Hätte das Original die Zeiten überdauert, so würde es vermutlich alle weiteren kostbaren Turnier- und Paradesättel der frühen Neuzeit in den Schatten stellen.
Der Sattel gelangte entweder als Geschenk an Maximilian, oder es handelt sich um einen eigenen Auftrag des Kaisers. Für beide Varianten lassen sich Beispiele aus dem Werk Jamnitzers anführen. Zahlreich sind die Huldigungs- und Dankgeschenke von Städten und Ständen an diverse Fürsten, meist mit Goldmünzen gefüllte Pokale. Als von Jamnitzer gefertigte Geschenke an Maximilian sind der vermutlich vom Landsberger Bund 1568 überreichte Kaiserpokal (Berlin, Kunstgewerbemuseum) und seitens der Stadt Nürnberg eine verlorene, mit 1 000 Goldgulden gefüllte Schreibkassette zu erwähnen (Schürer 2007, S. 91ff; Czogalla 2007). Ebenso kann der Sattel ein solches Geschenk gewesen sein. Andererseits trat das Kaiserhaus selbst bereits unter Ferdinand I. als Auftraggeber und Abnehmer von Werken Jamnitzers auf. Ein unmittelbarer Kontakt zwischen Maximilian und dem Nürnberger ist seit 1568 überliefert, als der Kaiser einen Silberbrunnen in Auftrag gab, der heute weitgehend verloren ist (Statuen des Brunnens in Wien, Kunsthistorisches Museum). Ein weiteres Mal bekundete Maximilian sein Interesse im Jahr 1570, als er sich in Nürnberg Werke Jamnitzers und anderer Goldschmiede zeigen liess.
Der stilistische Vergleich führt zunächst zu zwei Tischglocken Jamnitzers im Londoner British Museum (s. S. 248, unten) und in der Schatzkammer der Münchner Residenz, deren Handhabe jeweils eine dem Sattel sehr ähnliche Caritas bekrönt. Auch existieren zwei Entwurfszeichnungen für ebensolche Glocken (Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum; Berlin, Kupferstichkabinett). Die deutlich voneinander abweichende Datierung der beiden Glocken (London um 1550, München um 1560/1570; Tait 1988, S. 96–105, Nr. 11) belegt, wie Jamnitzer das Motiv der Caritas auch nach vielen Jahren wieder aufnahm. Dies erlaubt es gleichzeitig, die Entstehung des Sattels von jener der Glocken zeitlich zu entkoppeln.
Obwohl sich Jamnitzer für plastische Arbeiten gelegentlich fremde Bildhauer zu Hilfe holte, zeigt die Caritas in der durch das antikisierende Gewand herausgehobenen Brust, Charakteristika seiner eigenhändigen Werke. Mehr aber ist das Ornament zur Einordnung des Sattelbogens dienlich: Denn die späteren Arbeiten Jamnitzers wirken durch den stärkeren Einsatz des Rollwerks tektonisch deutlicher verfestigt, nachdem die früheren Arbeiten Jamnitzers oft von Naturabgüssen beinahe überladen erscheinen und die zugrunde liegende Struktur nur schwer zu erkennen ist. In diesem Sinne setzt sich – bei allen grundsätzlichen Unterschieden – auch die gipserne Caritas von jener der beiden Tischglocken ab. Mit Vorsicht ist der Sattelbogen daher um 1570 zu datieren.
Ob die Caritas für Maximilian eine Leittugend war, ist damit jedoch noch nicht ausgemacht (vgl. Pechstein 1985, S. 66). Zwar ist sie auch das Motiv einer Plakette Peter Flötners im Innern des Berliner Kaiserpokals, und man könnte versucht sein, eine der Tischglocken als für den Kaiser bestimmt zu sehen. In der allegorischen Ikonografie auf Maximilian stehen jedoch andere Personifikationen im Zentrum, während die Tugend der Nächstenliebe eher in den Hintergrund tritt (Altfahrt 1981, S. 71f, 87; Kat. Nürnberg 1985, S. 346–349, Nr. 308–310). Die Caritas erscheint hingegen als bestimmende Tugend auf den Tischglocken und auf Jamnitzers Reliquienkassette in den Descalzas Reales in Madrid, die 1557, also in der Regentschaft Ferdinands I. vollendet war, aber bereits 1551 unter Karl V. projektiert wurde (Effmert 1989). In jedem Fall eignete sich die Caritas auch aufgrund ihrer Symmetrie für den Sattelknauf. RB (Die grosse Kunstkammer 2011, S. 253-255).

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