18. Mai 2017 | de Sigfried Schibli, Musikwissenschaftler Commenter

Auf Takt mit Sigfried Schibli

Alles ist reLativ, vor allem Zahlen

Wer zu irgendeinem Thema eine Meinung äussert, wird mit Sicherheit bald den Zuruf „Fakten! Zahlen!“ zu hören bekommen. Im übertragenen Sinn gilt das auch für die Musik. Seit das Metronom als verlässlicher Taktgeber existiert, sind Komponisten mit der Forderung nach genauen Angaben zum gewünschten Zeitmass konfrontiert. Dahinter steht unausgesprochen die Vorstellung, dass alles, also auch Angaben wie „Sehr langsam“ oder „Prestissimo“, relativ und deutungsbedürftig sei, Zahlen aber nicht. Zahlen sind umgeben von der Aura des Harten, Unmissverständlichen, Objektiven.

Dass alles relativ sei ausser den Zahlen und Fakten, ist eine schöne Vorstellung, die aber der Wirklichkeit nicht standhält. Jeder Musikhörer hat es wohl schon erlebt, dass ein und dasselbe Musikstück im gleichen Tempo gespielt je nach dem Raum, in dem man es hört, ganz anders klingen kann. Aus diesem Grund lehnte der Dirigent Opens external link in new windowSergiu Celibidache nicht nur Schallplattenaufnahmen, sondern auch die Unterwerfung unter Metronomangaben ab, auch wenn diese von den Komponisten stammten. 

Der Dirigent Opens external link in new windowMichael Gielen erzählte einmal, dass er im Autoradio eine Bruckner-Symphonie gehört und sich sehr über die eigentümlichen Tempi gewundert habe. Es stellte sich heraus, dass es seine eigene Aufnahme war. Ähnliche Geschichten hört und liest man von anderen Dirigenten und Interpreten. Als der Komponist Opens external link in new windowPierre Boulez einmal in eine Probe kam, in der Opens external link in new windowDaniel Barenboim gerade eine der „Notations“ von Boulez einstudierte, korrigierte Boulez sogleich das von Barenboim gewählte Tempo. Dabei war Barenboim streng den Metronomangaben des Komponisten Boulez gefolgt: Viertel = 60 Schläge in der Minute. Sogleich änderte Boulez diese Angabe in die langsamere Vorschrift Achtel = 90. Solche Erfahrungen mögen Barenboim bewogen haben, die Tempofrage nicht mehr dogmatisch, sondern pragmatisch anzugehen. In einem „Spiegel“-Interview 2014 sagte er auf die Frage, wie er sein Tempo finde:

„Die Entscheidung über das Tempo ist vielleicht eine der wichtigsten Entscheidungen, die ein Musiker treffen muss, aber es muss die letzte Entscheidung sein. Erst muss er den Inhalt verstehen. Es geht beim Musizieren um Spannung. Wer Spannung aufbauen kann, der wird sich auch erlauben können, langsamer zu dirigieren. Wenn keine Spannung da ist, wird es langweilig, selbst wenn das Tempo schnell ist.“
„Wenn Monster weinen“. „Spiegel“-Gespräch mit Daniel Barenboim, in: „Der Spiegel“, 12/2014, S. 130–133, hier S. 133

Ich hatte mir in meiner Laufbahn als Musikkritiker angewöhnt, zumindest bei der Aufführung klassischer Musikwerke die Zeitdauern aufzuschreiben. So sollte man doch, meinte ich, objektive Aussagen über die gewählten Tempi machen können. Bald wurde mir aber bewusst, dass es unmöglich ist mit dieser Methode den Spannungsgehalt einer Interpretation festzuhalten, und es gab viele Aufführungen, die ich subjektiv als ereignisarm empfand, obwohl sie von der Zeitdauer her eher rasch waren. Messen kann man nur Quantitäten, nicht Qualitäten. Und bei Licht besehen ist nichts so relativ wie die Zahlen. 

Opens external link in new windowSigfried Schibli ist Musikwissenschaftler. Von 1984 bis 1988 war er Verlagsredaktor der "Neuen Zeitschrift für Musik" und von 1988 bis 2016 Musikkritiker und Kulturredaktor der "Basler Zeitung". Er publizierte zahlreiche Aufsätze sowie Bücher und produzierte Radiosendungen über Skrjabin, Liszt, Jürg Wyttenbach, das Basler Musikleben und die Geschichte der Basler Orchester-Gesellschaft.

Die Sonderausstellung "Auf Takt! Metronome und musikalische Zeit" kann noch bis zum 4. Februar 2018 im Opens internal link in current windowMuseum für Musik besucht werden. Weitere Blogbeiträge der Blogserie "Auf Takt mit ...": Opens external link in new windowAuf Takt mit Marcel Schwald, Opens external link in new windowAuf Takt mit Elisabeth AckermannOpens external link in new windowAuf Takt mit Jenny BergAuf Takt mit Domenico Melchiorre, Opens external link in new windowAuftakt mit Jennifer Jans, Opens external link in new windowAuftakt mit Fabian Petignat und Opens external link in new windowAuftakt mit Dominik Heitz.

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