
Normalerweise interessiert uns das Gericht auf dem Teller und weniger das dazugehörige Geschirr. Doch im Historischen Museum Basel lagern Teller im Depot, deren Dekoration uns das feinste Menü vergessen lässt (HMB, Inv. Nr. 1960.59.1-9.).
Auf den ersten Blick wirken die neun Teller wie gewöhnliches Geschirr. Am Rand sind die Teller mit einem floralen Muster und gelben Akzenten verziert. Doch beginnt man zu essen, kommen farbige Bilderrätsel zum Vorschein. Es sind Darstellungen von französischen Sprichwörtern. Können die Bilderrätsel nicht auf Anhieb entziffert werden, so muss man den Suppenteller leer essen, um ihn anschliessend zu drehen und die Auflösung auf der Rückseite zu lesen.


«Ventre affamé n’a point d’oreilles» wortwörtlich übersetzt bedeutet dieses Sprichwort, dass ein hungriger Bauch keine Ohren hat. Im übertragenden Sinne fällt es einem also schwer, zuzuhören, wenn man hungrig ist. Beim Lösen der unterschiedlichen Bilderrätsel fällt ein Muster auf, das bei der Entschlüsselung hilft. Zum Teil sind die Anfangsbuchstaben einzelner Wörter genannt, wie bei der Redewendung «Ne vendez jamais la peau de l’ours qu’il ne soit par terre».

Die wörtliche Übersetzung von «Man soll das Fell des Bären nicht verkaufen, bevor man ihn getötet hat» entspricht der deutschen Redewendung: «Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben». Eine weitere Rätselhilfe versteckt sich in der Abbildung einer Musiknote im Bilderrätsel.

In der Dur-Tonleiter entspricht der abgebildete Ton einem «a». Wenn man die Tonleiter gemäss dem Solfège-System (Do, Ré, Mi, Fa, Sol, La, Si, Do) singt, so wird aus dem «a» ein «la». Der französische weibliche Artikel «la» hilft dabei, ein weiteres Wort im kniffligen Bilderrätsel zu entschlüsseln.
Für die Übersetzung von «Les plus gras dindons ne sont pas toujours à la broche» («Die fettesten Truthähne sind nicht immer am Spiess») gibt es übrigens kein deutsches Pendant – sinngemäss bedeutet es, dass nicht alles, was vielversprechend aussieht,auch zum Ziel führt.
Ein zweites wiederkehrendes Symbol in den Bilderrätseln ist die Ass-Karte aus einem französischen Kartenspiel:

Im Sprichwort «Laissez dire les sots le savoir a son prix» (dt.: «Lassen Sie die Narren sagen; Wissen hat seinen Preis.») steht der namengebende Buchstabe der Ass-Karte «A» für die französische Verbform «haben». Die Redewendung geht auf den berühmten französischen Klassiker Jean de la Fontaine (1661–1695) zurück.
Auch auf einem weiteren Teller aus der Sammlung des HMB versteckt sich eine Redewendung La Fontaines, der vor allem für seine Tierfabeln bekannt ist.

Die Redewendung «C’est avec la patte du chat que souvent on tire les marrons du feu» (dt.: «Oft holt man mit der Katzenpfote die Kastanien aus dem Feuer») stammt aus einer Fabel, in der ein Affe die Pfote einer Katze benutzt, um Kastanien aus dem Feuer zu holen, ohne sich dabei selbst zu verbrennen. Im übertragenen Sinne wird damit ausgedrückt, dass eine Person mithilfe einer anderen Person schwierige oder gefährliche Aufgaben erledigt, während die sie selbst das Risiko umgehen kann.
Jean-Baptiste Gresset (1709–1777) ist ein weiterer bekannter französischer Dichter, dem das Sprichwort «L’orgueil n’aveugle pas ceux que l’honneur éclaire» (dt.: «Stolz macht diejenigen nicht blind, die durch Ehre erleuchtet werden») zugeschrieben wird.

Das bekannte Sprichwort «Man soll das Eisen schmieden, solange es heiss ist» hat seine wörtliche Entsprechung im Französischen. «Battez le fer quand il est chaud», gefunden auf dem Suppenteller mit der Inventarnummer HMB, Inv. Nr. 1960.59.9.

Jetzt sind Sie dran. Können Sie die zwei letzten Sprichwörter auf den Tellern aus der Serie des HMB erraten? Schreiben Sie die Lösung als Kommentar in den Blog. Klicken Sie auf das Bild, um es zu vergrössern.
Hergestellt wurden die Teller in Choisy-le-Roi, in der Nähe von Paris. Die Steingutherstellung war für die Kleinstadt ein wichtiger industrieller Pfeiler. Der Hersteller ist laut der Inschrift auf der Rückseite der Teller mit «H&B» angegeben, was für H. Boulenger & Cie. steht. Hippolyte Boulenger übernahm 1863 die Leitung der Fayencenfabrik und benannte sie in Hautin Boulenger & Cie um. Bereits im Jahr 1804 war die Fabrik auf einem Teil des ehemaligen königlichen Anwesens eingerichtet worden. H&B war die grösste örtliche Steingutfabrik, die im Jahr 1930 bis zu 1400 Arbeiter:innen beschäftigte. Die Keramik der Firma wurde unter anderem an verschiedenen Weltausstellungen präsentiert, wo sie auch Preise gewann. Doch was genau muss man sich unter Steingut überhaupt vorstellen?
In der Regel besteht Steingut aus Ton, Calcit und Quarz und ist somit eine Art Keramik. Die Grundmasse wird durch Giessen, Drehen oder Pressen geformt und bei Temperaturen knapp über 1000° Celsius im Brennofen gebrannt. Es ist poröser und weniger widerstandsfähig als Steinzeug, da es bei niedrigeren Temperaturen gebrannt wird. Deswegen muss das Steingut abschliessend glasiert werden, damit es kein Wasser aufnimmt. Nach der Glasur kann das Steingut zu Geschirr oder Wandfliesen weiterverarbeitet werden.
Somit vereinen die Objekte Handwerkskunst, darstellende Kunst und Unterhaltung auf einem Teller. Wer hätte gedacht, dass man nach einer Mahlzeit nicht nur satt, sondern auch ein Stück klüger sein kann?
Nach ihrem zweiwöchigen Schulpraktikum im HMB im vergangenen Sommer, bei dem sie für das «Inventarium» recherchierte und bei Notkonservierungen mithalf, unterstütze Liina das Team der Generalinventur in ihren Sommerferien erneut. Dabei entstand dieser Blogbeitrag.

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