
Seit Beginn der Generalinventur haben sich die Inventis, die in den verschiedenen Depots und Ausstellungshäusern jede Menge überraschende Objekte angetroffen haben, wieder und wieder dieselbe Frage gestellt: Gehört dieses Objekt ins Museum?
Die Antwort zu dieser Frage war nicht immer so klar, wie man sich das vorstellt. Deswegen wurde in der ersten Ausgabe unserer Reihe Museen im Gespräch ein Podiumsgespräch zu dem Thema Gehört das ins Museum? gehalten. Allerdings würden wohl alle zustimmen, dass die Numismatik, die Geschichte und wissenschaftliche Erforschung des Geldes, eindeutig ins Museum gehört.
Münzen und Medaillen waren seit der Gründung des Historischen Museums Basel im Jahr 1892 ein wichtiger Teil der gesamten Sammlung des Museums. Dieser Teil der Sammlung umfasst heute ungefähr 66.000 numismatische Objekte, darunter 11.000 antike, 20.000 neuzeitliche und mittelalterliche Münzen, 12.000 Medaillen sowie mehr als 1.000 Münz- und Medaillenstempel, 600 Gemmen, mehrere Daktyliotheken und über 600 Münzwaagen.
Ob Geldscheine, Umlaufmünzen oder Gedenkmünzen von Städten, Herrschenden oder historischen Ereignissen - numismatische Objekte sind Zeugen der Geschichte, die zeitlich bis ins 7. Jahrhundert v. Chr. zurückreichen. Die Geschichte der Münzprägungen beginnt in Kleinasien, wo Metallklumpen zum ersten Mal mit Motiven und Bildern einseitig geprägt wurden. Das älteste numismatische Objekt im Historischen Museum Basel (Inventarnummer 2020.295.) lässt sich auf den Zeitraum 600 bis 550 v. Chr. datieren. Es ist eine Münze aus einer Silber-Gold-Legierung im Wert eines 1/3 Stater. Stater gehören zu den wichtigsten griechischen Münzen. Ihr Name wird von statikos abgeleitet und bedeutet «wägen». Sie ist einseitig mit einer Löwendarstellung geprägt. Auf der Rückseite sieht man zwei quadratische Vertiefungen. Hier wurde der Metallklumpen befestigt, um ihn auf der Vorderseite zu prägen.


Direkt nach Abschluss des letzten Depots haben die Inventis angefangen, im sogenannten Münztresor zu arbeiten. Diese Bezeichnung stimmt, denn die numismatischen Objekte befinden sich tatsächlich in einem grossen Tresorraum. Im Gegensatz zu den bisherigen Depots dauerte die Vorbereitung des Münztresors für die Generalinventur etwas länger, weil hier eine neue Vorgehensweise entwickelt wurde: Im Münzkabinett werden zusätzliche Arbeitsschritte wie auf das Hundertstel genaue Messungen und hochqualitative Fotoaufnahmen durchgeführt. Aber: das Warten hat sich gelohnt!
Die Inventarisierung der sogenannten Umlaufmünzen, die in Massen hergestellt wurden, kann manchmal eintönig werden, da die gleichen Informationen für mehrere Objekte eingetragen werden müssen. Das ist allerdings selten der Fall, denn man begegnet täglich Objekten, die einzigartig, interessant, ästhetisch schön oder manchmal auch kitschig und taktlos sind. Solche Objekte regen das Interesse und die neugefundene Leidenschaft der Inventis für die Numismatik an.
Nachprägungen von Schweizer Franken haben mein Interesse besonders geweckt. Das absolute Prachtstück dieses kleinen Ensembles ist ein Zweifrankenstück mit einer provokativen nackten Helvetia-Darstellung. Das besagte Objekt mit der Inventarnummer 1975.322. wurde ursprünglich als eine gewöhnliche Zwei-Franken-Münze der Schweizerischen Eidgenossenschaft im Jahr 1957 geprägt. Laut Inventarkarte wurde das Objekt in den nächsten Jahren von einem «Italiener» umgearbeitet und in Umlauf gebracht. So kam unser Donator Dr. U. Barth zufällig in Besitz dieser Münze.


Die Nachbearbeitung ist sehr einfallsreich. Auch hier hält Helvetia ihre Attribute Schild und Speer, jedoch ist sie ohne ihre gewöhnliche Toga dargestellt. Auffällig ist auch, wie die Brust hervorgehoben wurde: Zwei parallele Löcher wurden so in die Rückseite eingelassen, dass auf der Vorderseite, genau da, wo die weibliche Brust abgebildet ist, zwei Wölbungen entstehen. Darstellungen von nackten Frauen kennen wir zwar aus der griechischen und römischen Mythologie, dort können sie heroisierende oder vergöttlichende Funktionen haben. Ist das allerdings bei unserer Helvetia auch der Fall? Die italienische Herkunft des früheren Besitzers könnte ein Hinweis sein.
Weitere spannende Objekte aus demselben Ensemble sind zwei Exemplare sogenannter Spielgeldmünzen für Brettspiele (Inventarnummern 1977.109. und 2022.304.). Was sie von den gewöhnlichen Zwei-Rappen-, Zwei-Franken- und Fünf-Franken-Münzen unterscheidet, ist vor allem ihre Masse. Mit einem Durchmesser von max. 13 mm bis 25 mm sind sie fast dreimal kleiner als die gewöhnlichen Umlaufmünzen mit gleichem Wert. Handwerklich oder materiell sind sie jedoch keineswegs ihren Vorbildern unterlegen, sondern lediglich in Miniaturformaten hergestellt.




Nicht immer sind die ungewöhnlichen Objekte der Inventur eine Freude. Eine Nachbearbeitung einer Münze empfinde ich als geschmacklos und respektlos. Auf einer Zwei-Rappen-Münze mit der Inventarnummer 1955.2. ersetzt ein anonymer Künstler das Schweizerwappen und das ursprüngliche Prägungsjahr mit einem Hakenkreuz und dem Jahr 1934. Damals war es wohl ein Zeichen des Zeitgeists bzw. der in der Deutschschweiz besonders verbreiteten pro-nationalsozialistischen Stimmung.


Seher Parlak, M.A. arbeitet im HMB als Inventi bei der Generalinventur. Sie hat Altertumswissenschaften studiert und sich in der Ägyptologie und Klassischen Archäologie spezialisiert.

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