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Das Podiumsgespräch zum Nachschauen

Darf ein Museum entsammeln?

Was machen wir mit Objekten, die dutzendfach in der Sammlung vorhanden sind? Haben wir genug Platz um zerstörte Objekte oder solche ohne Geschichte im Museumsdepot aufzubewahren? Und darf ein Museum im Notfall seine Objekte verkaufen?

Wie das fünfte Podiumsgespräch vom 25. Januar 2024 zeigte, hat das Entsammeln komplexe rechtliche, kulturpolitische und ethische Dimensionen. Anne Hasselmann sprach mit Vertreter:innen von drei sehr unterschiedlichen Museen über Herausforderungen und Chancen des Entsammelns. Das Gespräch gibt es ab sofort zum Nachschauen.

Die fünfte Podiumsdiskussion der Reihe «Museen im Gespräch» widmete sich der Frage, nach den Bedingungen einer verantwortungsvollen Deakzession. Die Beispiele aus der Arbeitspraxis von Heidi Amrein (Schweizerisches Nationalmuseum), Markus Stegmann (Museum Langmatt Baden) und Carmen Simon (Regionalmuseum Chüechlihus, Langnau i. E.) zeigten einerseits die rechtlichen Auflagen und Gefahren bei einem Deakzessionsentscheid und andererseits das Potential einer transparenten und nachhaltigen Entsammlungstrategie.

 

Die Argumente und Ziele für oder gegen eine Deakzession sind so heterogen wie die Museen selbst

Im Gespräch wurde deutlich, dass die Argumente, Motivationen, Ziele und Gründe für oder gegen eine Entlassung von Objekten so vielfältig wie die Museen selbst sind. Während eine Deakzession im Zuge einer Restitution an die rechtmässigen Eigentümer:innen museumsweiter Konsens sind, können Praktiken des Verschenkens oder sogar des Verkaufs von Museumsobjekten ganz unterschiedliche Gründe haben. So berichtete die Leiterin des Regionalmuseums Chüechlihus im Emmental von der partizipativen Grundidee ihres Entsammlungsprojekts, in dem mehrfach vorhandene, kaputte oder Objekte ohne historischen Kontext gegen eine gute Idee einer Weiterverwendung an die Bevölkerung verschenkt werden.

Vor einer ganz anderen Verantwortung stand der Direktor des Museums Langmatt, als er sich schweren Herzens entschloss, drei Gemälde von Paul Cézanne zu verkaufen, um die Existenz seines Museums und die Sammlung in ihrem bestehenden Kontext zu sichern. Auch auf der rechtlichen Ebene können und müssen Museen des Bundes, des Kantons oder der Gemeinde bei einem Deakzessionsfall anders agieren, als beispielsweise privatrechtliche Stiftungen. Bei aller Unterschiedlichkeit in Motivation und rechtlichem Status geben jedoch die ethischen Richtlinien von ICOM und die Empfehlungen des VMS Orientierung, wie Heidi Amrein betonte.

Monetärer, emotionaler und kulturhistorischer Wert von Museumsobjekten

Diese unterschiedlichen Hintergründe führten die Diskussion unter den Teilnehmer:innen zur Frage nach der Aufgabe von Sammlungsobjekten und dem daraus folgenden Nutzen für die Museen: Dürfen sie im Ernstfall als monetäre Einheit zur Rettung von Museen gebraucht werden und welches Signal senden wir damit an die Politik und die Donator:innen? Wie kann ihr emotionaler Wert genutzt werden, um Partizipation und damit Identifikation zwischen dem Museum, seinem Publikum und der Bevölkerung als Ganzes zu fördern? Oder müssen wir der musealen Aufgabe der Bewahrung von Kulturgut mehr Gewicht geben und die Objekte in erster Linie nach bestem Wissen aufbewahren, da wir heute die Folgen unseres Handelns für die zukünftigen Generationen nicht abschätzen können?

Abschliessende Antworten wurden nicht gefunden, da jeder Deakzessionsfall eine individuelle Haltungsfrage des jeweiligen Museums voraussetzt. Einigkeit herrschte jedoch über die Wichtigkeit einer transparenten Kommunikation und Dokumentation dieser Entscheide. So zeigten das Gespräch und die Fallbeispiele, dass entgegen der weitverbreiteten Annahme, ein Entsammeln im Museum kein Tabu ist. Ganz im Gegenteil, ein Einbezug der Öffentlichkeit kann, wie im Fall des Museums Langmatt, Verständnis für einen umstrittenen und schwierigen Entscheid schaffen oder, wie im Chüechlihus, neues Wissen über bislang unbekannte Objektgeschichten generieren.

Das Podiumsgespräch als Video

Das Gespräch über Prozesse des Entsammelns in Museen, das hier in voller Länge zu sehen ist, machte deutlich, dass wir noch längst nicht am Ende beim Suchen nach den richtigen Wegen einer verantwortungsvollen und vorrausschauenden Sammlungspflege angekommen sind. Der Austausch über Praktiken des Entsammelns und die damit verbundenen Sorgen macht Mut eine eigenständige Position zu entwickeln und diese mit den Museumskolleg:innen und der Öffentlichkeit zu teilen.

Infos zur nächsten Ausgabe

Wir freuen uns Sie bereits jetzt zum nächsten Podiumsgespräch zum Themenfeld Digitale Sammlungen - Sammlungen digital am 13. Juni 2024 hier in der Barfüsserkirche des Historischen Museums Basel einladen zu dürfen.

5. Februar 2024 – Anne Hasselmann

Anne Hasselmann ist Historikerin und Assistenzkuratorin. Im Museum unterstützt sie Ausstellungs- und Sammlungsprojekte. Zuletzt hat sie die kleine Sonderausstellung «Inventarium. Eine Dokumentation der Generalinventur» konzipiert.

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