Tagebuch des Basler Tapezierers Joachim Weitnauer

Tagebuch des Basler Tapezierers Joachim Weitnauer

Basel, Paris und andere Orte, 1807
Manuskript auf Papier, Marmorpapier (Einband)
H. 20,7 cm, B. 17 cm
Inv. 1962.93.

Musterkollektion von Bändern, Rosetten und Quasten
Paris, Anfang 19. Jh.
Baumwolle, Seide
Dm. 4,5 – 6 cm (Rosetten), L. 7,5 cm (Quasten)
Inv. 1939.1000.

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Eine Fahrt von Basel nach Paris dauert heute mit dem TGV (train à grande vitesse) gerade noch dreieinhalb Stunden. Was eine solche Reise vor zweihundert Jahren bedeutete, davon berichtet das Reisetagebuch des Joachim Weitnauer (1785–1848). Die Aufzeichnungen des jungen Basler Tapezierers umfassen den Zeitraum vom 29. Januar bis zum 13. Mai 1807 und stellen seine Geschäftsreise nach Paris in den Mittelpunkt. Allein die Fahrt per Postkutsche, der «Diligence», beanspruchte acht Tage, Zwischenhalte in Colmar, Nancy sowie Châlons-en-Champagne inbegriffen.
Neben den Schilderungen seiner Reisebekanntschaften – darunter ein fünf Monate zuvor in der Schlacht bei Jena «blessierter» Offi zier – besitzen auch diejenigen seiner Abenteuer in der Grossstadt hohen Unterhaltungswert.
So musste sich der offenbar durchaus ansehnliche Jüngling nicht nur gegen eindeutige Angebote der Kokotten von Les Halles zur Wehr setzen, sondern er sah sich im Palais Royale auch den Avancen eines «Sodomiten», also Homosexuellen, ausgesetzt. Wohl nicht zuletzt wegen dieses Übermasses an französischer Frivolität sehnte sich Weitnauer beinahe jeden Abend zurück nach Basel an die Seite seiner «lieben Eltern» und seiner Verlobten. Seine berufl ichen Absichten kamen dennoch nicht zu kurz: Wohl versehen mit Adressen und Kontakten erhielt er Zutritt zu Pariser Herrschaftshäusern und Handelsmagazinen, wo er die neusten Entwicklungen in Sachen Innenausstattung studieren konnte.
Die hier gezeigten Quasten und Bänder sind wohl Musterbeispiele, mit denen er sich bei diesen Gelegenheiten eindeckte.
Weitnauers Aufenthalt in Paris endete nach fast vier Wochen. Seine Rückreise wurde zu einer eigentlichen «Tour de Romandie», die ihn nach Genf und Lausanne, Vevey, Aigle sowie Château-d’ Oex führte. In Lauerz sah er die Verwüstungen des acht Monate zuvor niedergegangenen Bergsturzes, und in Aarau traf er sich auf ein Gläschen mit dem Verlagsgründer Heinrich Remigius Sauerländer (1776–1847). Seine Heimkehr am 13. Mai quittierte Weitnauer mit grosser Erleichterung: Die Reise – von Anfang an mehr seinem Pfl ichtbewusstsein denn Entdeckungsdrang geschuldet – war heil überstanden.

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