Silberplatte von Urs Graf: "Der hl. Bernhard von Clairvaux wird im Dom zu Speyer von dem Marienbild begrüsst"

Silberplatte von Urs Graf: "Der hl. Bernhard von Clairvaux wird im Dom zu Speyer von dem Marienbild begrüsst"

Solothurn, 1519 datiert
Goldschmied: Urs Graf (um 1485 - 1527/28)
Silber, geschmiedet, graviert, im 19. Jahrhundert versilbert
H. 8 cm, B. 17,2 cm
Inv. 2009.711.

Bildauflösung:
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CHF 40.00

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Der Ankauf der beiden von dem Schweizer Renaissance-Künstler Urs Graf signierten Silberplatten zählt zu den bedeutendsten Erwerbungen der letzten Jahrzehnte. Sie gehören zu den wenigen Zeugnissen, die sich von Grafs Tätigkeit als Goldschmied erhalten haben und gehen auf einen prestigeträchtigen Auftrag zurück: Nachdem der für seinen unsteten Lebenswandel berüchtigte Künstler 1518 wegen einer schweren Gewalttat überstürzt aus seiner Wahlheimat Basel fliehen musste und in seiner Geburtsstadt Solothurn vermutlich in der väterlichen Goldschmiedewerkstatt tätig war, erhielt er 1519 vom Zisterzienserkloster St. Urban im Kanton Luzern den Auftrag, eine Reliquienbüste des hl. Bernhard von Clairvaux (um 1090 - 1153) zu fertigen. Für den Sockelschmuck der heute verschollenen Reliquienbüste (Abb.) gravierte er acht querrechteckige Silberplatten mit Szenen aus dem Leben des Heiligen, der als Abt und Kreuzzugsprediger massgeblich für die Ausbreitung des Zisterzienserordens in Europa gesorgt hatte. Die neu erworbenen Platten, die einst die Vorderseite des polygonalen Sockels links und rechts von der zentralen Platte schmückten, präsentieren wichtige Ereignisse aus seiner Vita.
Den Auftakt bilden zwei Szenen aus der Frühzeit des um 1090 als Spross eines alten burgundischen Adelsgeschlechts bei Dijon geborenen Bernhard. Die Handlung wird jeweils durch die lateinische Inschrift auf dem weit gespannten Architekturbogen erläutert:
"HIC VERO MATRIS CATVLV(M) QVE(M) SONIA FINGVNT" (Hier aber zeigen ihn die Träume der Mutter als Hündchen). Wie aus der noch zu Lebzeiten des Heiligen verfassten "Prima vita" (1148) hervorgeht, träumte Bernhards Mutter Aleth vor dessen Geburt, sie trage ein bellendes, weisses Hündchen mit rotem Rücken unter ihrem Herzen. Als sie beunruhigt einen Ordensmann zu Rate zog, erklärte ihr dieser das prophetische Traumgesicht: "Du wirst die Mutter eines vortrefflichen Hundes sein; Wächter des Hauses Gottes wird er sein und deshalb ein gewaltiges Bellen gegen die Feinde des Glaubens erheben. Ein hervorragender Prediger wird er sein und wie ein guter Hund, mit heilkräftiger Zunge begabt, vieler Menschen kranke Seelen gesund machen". Dieses Traumbild, das Bernhards Berufung als Prediger prophezeit, hat Urs Graf in einen Innenraum seiner Zeit verlegt und auf eigenwillige Weise umgesetzt: Aus dem Bauch der auf einem Bett mit halbrundem Baldachin schlafenden Mutter schaut vorwitzig der Kopf eines Hundes hervor.
Die angrenzende Szene gibt ein bedeutendes Ereignis aus der Kindheit des Heiligen wieder, das sein Denken nachhaltig beeinflusste: Der achtjährige Knabe Bernhard wartete in der Heiligen Nacht auf die Christmette und sehnte sich danach zu wissen, in welcher Stunde Christus geboren sei. Da erschien ihm das Jesuskind dergestalt, "als ob es vor seinen Augen eben wiederum aus seiner Mutter Leibe würde geboren" – so heisst es in der Legenda Aurea (1263-1273) des Jacobus de Voragine. Urs Graf hat die Vision des frommen Knaben, der links am Betpult eingeschlafen zu sein scheint, direkt neben diesem ins Bild gesetzt. Maria erscheint in Andacht des vor ihr am Boden auf ihrem Mantel liegenden Christuskindes. "IS VIDIT ET CHRISTV(M) PVER VT NOVVS EXIT AB ALVO" (Dieser sieht auch Christus, wie er als Neugeborener aus dem Leib kommt.) lautet der den Bogen zierende Hexameter. Der ruinenhafte Charakter der Geburtsstätte Christi wird durch eine abgeschlagene Säule, den Grasbüschel und den kargen Baum im Vordergrund angedeutet. Dahinter schauen Ochs und Esel durch eine Maueröffnung herein.
Die zweite erworbene Silberplatte präsentiert die vorletzte Szene der Bildfolge zur Vita des Heiligen, die sich als Einzige über zwei Bildfelder erstreckt und somit einen besonderen Stellenwert erhält: Im Dom zu Speyer kniet der hl. Bernhard vor dem in einer Wandnische befindlichen Marienbild, das beim Beten des "Salve Regina" lebendig wird. Das Christuskind streckt dem Heiligen seine Hand entgegen. Der von einem Fürsten, möglicherweise Welf VI., und einem Hund begleitete Stauferkönig Konrad III. weist auf den wunderbaren Vorgang hin. Dementsprechend lautet die Inschrift: "EN XPI [CHRISTI] EFFIGIES IN SPIRA HVNC EXCIPIT AVENS / O CLEMENS O PIA O DVLCIS MARIA" (Sieh! Das Bild Christi in Speyer empfängt ihn mit dem Gruss: Oh gütige, oh milde, oh süsse Maria). Rechts im Hintergrund sieht man vier Chorherren beim Gesang aus einem Missale, dessen Noten mit einem Stab angezeigt werden.
In Speyer erreichte Bernhard am Weihnachtsfest 1146 durch seine Predigten, dass sich der deutsche König Konrad III. sowie dessen welfischer Gegenspieler Welf VI. zur Teilnahme am zweiten Kreuzzug bereiterklärten.
Selbstbewusst hat der signierfreudige Künstler nicht nur die Rückseite der heute verschollenen Reliquienbüste mit der vollständigen Signatur "Ursus Graff von Solotorn 1519" bezeichnet, sondern zusätzlich fünf der acht Sockelplatten mit seinem Dolch-Monogramm versehen. Prominent erscheint es in der ersten Szene an der Fusswand des Bettes, auf der anderen Platte im Zentrum des rechten Bildfeldes unterhalb der Säule. Zusätzlich weist der rechts darüber am Bogen eingefügte Schweizerdolch, der auf Grafs Tätigkeit als Reisläufer anspielt, auf seine Autorschaft hin.
Dem durch seine dynamischen Zeichnungen bekannten Künstler gelang auch mit dem Gravierstichel eine skizzenhafte, mit sicherer Hand hingeworfene Darstellung. Das Wesen jeder Figur ist mit wenigen Strichen erfasst. In der Komposition erinnern die als einfache Erzählungen gestalteten Szenen an Illustrationsholzschnitte, wie sie Graf 1505 für die "Statuten des Kartäuserordens" oder das "Jetzerbüchlein" von 1509 geschaffen hatte.
Die Reliquienbüste mit den Silberplatten gehörte sicherlich zu den bedeutendsten Aufträgen des Meisters, der als Mitglied der Zunft zu Hausgenossen seine Basler Werkstatt unweit des Fischmarkts betrieb. Es hat sich eine Reihe von Goldschmiederissen von seiner Hand erhalten, die zusammen mit dem Grossteil seines zeichnerischen Nachlasses im Kupferstichkabinett des Basler Kunstmuseums verwahrt werden. Von der Vielseitigkeit des künstlerischen Œuvres zeugen auch weitere Objekte aus der Sammlung des HMB: Der Unterstempel für den Basler Dicken von 1520/21 (Inv. 1905.3561) sowie die entsprechende Münze (Inv. 1903.622.) zeugen beispielsweise von seinem Amt als Münzschneider an der Basler Münzstätte, das Fragment eines Glasgemäldes mit einem hornblasenden Putto (Inv. 1930.622.) von seiner Tätigkeit als Glasmaler.

Die Silberplatten haben eine wechselvolle Geschichte:
Das recht grosse Büstenreliquiar des hl. Bernhard wurde nach der Auflösung des Klosters St. Urban im Jahre 1848 vom Finanzdepartement des Kantons Luzern für 540 Schweizer Franken zusammen mit weiteren Kirchenschätzen aus Luzerner Klöstern an ein internationales Händlerkonsortium verkauft. Sämtliche Objekte sollten im März 1851 auf einer Auktion in Paris versteigert werden. Die im Auktionskatalog abgedruckte Lithographie zeigt die Reliquienbüste (Abb.) noch vollständig mit den gravierten Silberplatten am Sockel. Um die Profanierung der Kultgeräte zu verhindern, erwarb ein Komitee mit Zustimmung und finanzieller Unterstützung von Papst Pius IX. das gesamte Auktionsgut. Von der Büste hat sich seitdem jede Spur verloren. Die zuvor vom Sockel abgelösten acht Silberplatten hingegen wurden 1853 vom Finanzdepartement für 45 Schweizer Franken an den Antiquar Löwenstein in Frankfurt verkauft und gelangten über den Kunsthandel in verschiedene Hände. Vier Platten konnten 1886 auf einer Aktion in Köln von der Eidgenossenschaft als "vaterländische Altertümer" für das Landesmuseum Zürich erworben werden. Die anderen vier Platten – darunter die beiden Neuerwerbungen – gelangten über Frankreich 1872 nach England in die Sammlung von R.L. Watson, wo sie von dem Goldschmied George Unite in Birmingham zu einem Kästchen montiert wurden. Dieses Kästchen schenkte 1925 die Countess Cawdor der Londoner St. George's Church, Hanover Square, wo es fast 50 Jahre lang bei Gottesdiensten als Hostienbehältnis in Gebrauch war. Dort entdeckte es 1972 zufällig ein Experte des British Museum und sorgte dafür, dass es als Dauerleihgabe im Museum ausgestellt wurde. Um die Renovierung ihres Kirchenbaus finanzieren zu können, entschloss sich die Gemeinde St. George's 2006 zum Verkauf des Kästchens. Gemeinsam mit dem Schweizerischen Landesmuseum gelang nach ausgiebigen Verhandlungen glücklicherweise der Erwerb des Kästchens, von dem die Silberplatten sorgsam abgenommen werden konnten (siehe Bericht unter Konservierung, Restaurierung, Werkstätten). Somit sind die bedeutenden Kunstwerke wieder im Land ihres Entstehens vereint.

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