Reliefschnitzerei: Schnäbelndes Vogelpärchen auf Rosenzweig

Reliefschnitzerei: Schnäbelndes Vogelpärchen auf Rosenzweig

Herstellungsort unbekannt, 1799 datiert
Henri-Joseph Aubert-Parent (13.12.1753 - 27.11.1835)
Linde, geschnitzt (Reliefbild); Nussbaumholz (Rahmen)
H. 21 cm, B. 31 cm (ohne Rahmen); H. 38,2 cm, B. 48 cm (mit Rahmen)
Legat Dr. Lothar Forcart-Müller, Basel
Inv. 1990.563.

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Das querformatige Relief zeigt ein schnäbelndes Vogelpaar auf einem Rosenzweig. Zwei der Rosen sind voll erblüht, fast schon im Übergang zum Welken; die zahlreichen Knospen befinden sich in verschiedenen Phasen des Aufgehens. Durch die fast vollplastischen Einzelteile und ihre natürliche Grösse erreicht die Schnitzerei eine virtuose Gegenständlichkeit. Zur illusionistischen Wirkung tragen zudem die beiden seitlich angebrachten, ebenfalls geschnitzten Klammern bei, mit denen der Zweig am Hintergrund befestigt zu sein scheint. Die Wölbung des Zweiges nach vorn schafft Raum für das Sperlingspaar. Die beiden Vögel sind bei der Paarung dargestellt; Haltung und aufgeplustertes Gefieder der Tiere sind deutliche Anzeichen für das Geschehen. Das weiche Lindenholz erlaubt das Herausarbeiten auch kleinster Details, und die gleichmässige Holzstruktur lässt diese Feinheiten sichtbar werden. Der Verzicht auf eine farbige Fassung betont die Kunstfertigkeit der Arbeit, die ohne Anstückungen aus einem einzigen Stück Lindenholz herausgeschnitzt wurde. Nicht die absolute Illusion wird angestrebt, sondern eine naturnahe, erlesene Künstlichkeit.
Geschaffen hat dieses Werk der Franzose Aubert Parent, von dem sich mehrere Werke in der Sammlung des Historischen Museums Basel erhalten haben. Er hatte früh die Aufmerksamkeit und Unterstützung des französischen Königs Ludwigs XVI. und seines Umfeldes gefunden. Ein mehrjähriger Italienaufenthalt (1784–1788), den ihm ein königliches Stipendium ermöglichte, hatte starke Einflüsse auf sein Werk (Streeter 1985). Neben den an vielen Stellen präsenten römischen Marmorreliefs, die deutlich in seinem Werk nachwirkten, könnte er in Florenz die Bekanntschaft mit einem Hauptwerk des Engländers Grinling Gibbons (1648–1721) gemacht haben. Gibbons arbeitete in ähnlicher vollplastischer Schnitztechnik, allerdings mit umfangreicheren, wandfesten Aufgaben wie Wanddekorationen und Türrahmungen. Eines seiner wenigen beweglichen Werke war ein monumentales Relief, das 1682 als ein Geschenk des englischen Königs Karl II. an Cosimo de Medici in den Palazzo Pitti in Florenz gelangt war. Die über einen Meter hohe Schnitzerei enthält in trophäenartiger Anordnung Blumen, Musikinstrumente, Insignien, Medaillen, Spitzen und ein bekrönendes Taubenpaar (Esterly 1998, S. 130–153). Dabei brilliert Grinling Gibbons in der Darstellung unterschiedlichster Materialien und Oberflächen. Viele der dargestellten Elemente, darunter die an Ketten hängenden Medaillen und die Signatur auf flatterndem Band, verwendete Aubert Parent später mehrfach in seinen Werken.
Nach Frankreich zurückgekehrt, geriet er alsbald in die Wirren der Französischen Revolution. Ihre Auswirkungen beraubten ihn seiner höfischen Protektion und Kundschaft und zwangen ihn, Frankreich im Jahre 1792 zu verlassen. Für zwanzig Jahre fand er in verschiedenen Städten der Schweiz und Deutschlands Zuflucht und Auskommen.
Einer seiner treuesten Auftraggeber war der wohlhabende und kunstsinnige Basler Kaufmann Johann Rudolf Forcart-Weiss (1749–1834), Seidenbandfabrikant und Besitzer des Württembergerhofes am St. Albangraben in Basel. Für ihn schuf Parent, der zugleich Architekt war, einen romantischen Landschaftsgarten und Entwürfe zu einem Landhaus (Nagel 1995). Als Legat eines direkten Nachfahren gelangte das hier vorgestellte Relief mit dem Vogelpaar 1990 in die Sammlung des Historischen Museums Basel. Der Rahmen trägt die Inschrift «DÉDIE A MONSIEUR ET MADAME RODOLPHE FORCART. Par leur tres humble et tres obeist. Serviteur Aubert Parent. Academicien», und in der linken unteren Ecke des Reliefs findet sich die vertiefte Signatur «Aubert Parent fecit 1799». Da ausdrücklich die Ehefrau erwähnt wird, kann mit der Widmung nicht sein Gönner Johann Rudolf Forcart-Weiss gemeint sein, da dieser zu dem Zeitpunkt bereits seit zehn Jahren verwitwet war. 1799 ist aber das Jahr, in dem sein gleichnamiger, drittgeborener Sohn Johann Rudolf Forcart (1778–1858) Anna Maria Bachofen heiratete (Forcart-Bachofen 1910, S. 39). Somit ist die Inschrift wohl auf diesen zu bezie hen und das Relief als Hochzeitsgeschenk anzusehen. Bereits vier Jahre zuvor hatte Parent ein ähnliches Geschenk zur Hochzeit des ältesten Sohnes, für den 1776 geborenen Dietrich Forcart-Merian geschaffen (Inv. 1931.25.). Das damals entstandene Relief zeigt über einem Altar mit den Wappen der Eheleute ebenfalls ein schnäbelndes Vogelpaar auf einem Rosenzweig.
Wegen des verfeinerten und exklusiven Charakters seiner Schnitzkunst suchte Parent die Nähe zu verschiedenen Fürstenhöfen. Die Hoffnungen, die er auf den preussischen König Friedrich Wilhelm II. gesetzt hatte, erfüllten sich, als er 1797 zum Mitglied der Berliner Akademie der Künste ernannt wurde und – nach der Schenkung zweier Reliefs – in den Genuss einer königlichen Pension kam. Von 1797 bis 1804 lebte er in Berlin. Darauf bezieht sich eine Bleistiftinschrift auf der Rückseite des Reliefs: «Sculpté à Berlin par M. Aubert Parent, architecte et sculpteur membre de l‘académie Royale et Pensionnaire de sa Majesté Prussienne».
Trotz seiner vielseitigen Tätigkeit ist Parent vor allem wegen seiner virtuosen Schnitzkunst bekannt, die ihm bereits zu Lebzeiten fürstliche Anerkennung und Unterstützung einbrachte. Neben einigen inhaltlich anspruchsvolleren Blumenstücken mit symbolisch zu deutenden Objekten finden sich aber zahlreiche Wiederholungen einfacherer, offensichtlich beliebter Themen, die nur geringfügig variiert wurden; so findet sich das schnäbelnde Vogelpaar auf einem Rosenzweig allein in der Sammlung des Historischen Museums Basel auf vier Reliefs.

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