Knäblein aus Ton

Knäblein aus Ton

Augsburg, 1603/1604
Terrakotta
H. 29 cm
Inv. 1904.2288.

Bildauflösung:
3534px x 5748px

CHF 40.00

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Erst durch die jüngste Forschung wurde geklärt, in welch prominentem Zusammenhang der kräftige nackte Knabe aus gebranntem Ton entstanden ist (Diemer 2006). Die Statuette ist ein vorbereitendes Modell für einen von drei Putti, welche die monumentale Bronzegruppe des hl. Michael über dem Portal des Zeughauses in Augsburg flankieren. Gleichzeitig ist sie der einzige bisher bekannte «bozetto» aus der Hand des Bildhauers Hans Reichle (um 1565/70 – 1642). Reichle gilt als renommierter Schüler Giambolognas und als der einzige nordische Bronzeplastiker nicht niederländischer, flämischer oder französischer Herkunft in seiner Epoche. Der Sohn eines Tischlers und Bildhauers aus dem bayerischen Schongau wurde am Münchner Herzogshof durch eine Lehre beim Hofbildhauer Hubert Gerhard gefördert und von dort direkt und persönlich zu dem berühmten flämischen Meister nach Florenz zur Ausbildung geschickt. Dort war er u. a. beim Bronzeguss des Reiterstandbilds des Grossherzogs Cosimo 1591–1593 beteiligt, bevor er 1595 in den Norden zurückkehrte. Vom Fürstbischof von Brixen, Andreas von Österreich, erhielt er 1596 den Auftrag für einen Zyklus von Porträtstatuen der Habsburger für die Residenz in Brixen, bevor er 1602 nach Augsburg übersiedelte. Hier wurde am 30. Dezember 1603 der Vertrag für den Portalschmuck des Zeughauses geschlossen.
Dieser Vertrag besagt, dass der Künstler den Erzengel Michael 14 Werkschuh gross (4,20 m) in römischer Rüstung mit einer Lanze, stehend und schwebend, unter seinen Füssen liegend Luzifer als Bronzebildwerk schaffen solle. Zu beiden Seiten dieser Hauptgruppe sollen «drei nackhende und blosse Kindlein, jedes zwischen fünf und sechs schuechen hoch gestelt werden, davon eines auf der rechten Hand des engels sizend, ein oben offen, aber unden zuegewicklet oder umgeschlagen Kriegsfendlen in der hand, und sonst allerlei Kriegswaffen umb sich ligen haben [...] Zur linkhen sollen zwei stehende Kindlen sein, dern das eine ein aufrechte lanzen inn der hand halten solle. Alles nach Ausweisung der verglichnen Modelli.» Bei unserer Figur handelt es sich um einen dieser Modelli, nämlich für den grössten und einzig aufrecht stehenden der drei Knaben, deren Körpergrösse der Auftrag auf 1,80 m festlegt. Er hält eine Lanze in seiner Linken und wendet sich – im Gegensatz zum Modello – mit Kopf und Oberkörper nach rechts zu seinem Partner.
Unserer Figur fehlen zwar beide Arme und der linke Unterschenkel, so dass das Motiv des Lanzenhalters nur vermutet werden kann. Auch die Flügel und die spärliche Gewandung des Oberkörpers sind noch nicht ausgebildet. In der Monumentalplastik wendet sich der Putto mit Kopf und Oberkörper in die andere Richtung, seinem Begleiter zu. Doch lässt sich anhand der von Diemer beobachteten stilistischen Charakteristika wie auch an dem in der Ausführung beibehaltenen Detail des klotzartigen Sockels unter dem linken Bein die Zuschreibung des nackten Terrakottaknaben an Hans Reichle in dem beschriebenen Zusammenhang überzeugend stützen.
Auch wenn sich die Kleinplastik als Zwischenprodukt im Arbeitsprozess des Bildhauers bisher gut in den Bestand des 16. Jahrhunderts der Amerbachschen Sammlung einfügen liess, kann sie aufgrund ihrer Datierung frühestens im 17. Jahrhundert in eine der alten Basler Sammlungen gelangt sein. Auf welchem Weg dies geschah, bleibt ungewiss.

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