Jupiter-Statuette

Jupiter-Statuette

Herstellungsort unbekannt, 16. Jh.
Bronze gegossen
H. 8,62 cm; H. 15,8 cm (mit Sockel)
Inv. 1906.110.a.

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3899px x 5512px

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Den kleinen «Jupiter von mös» (mösch = Messing) erhielt Basilius Amerbach von dem befreundeten Sammlerkollegen Felix Platter, wie er in einer Randnotiz seines Inventars von 1585–87 vermerkte. In sein ab 1579 geführtes Verzeichnis der geschenkten und getauschten Objekte hatte er die Statuette jedoch nicht aufgenommen, so dass sie entweder zuvor in seinen Besitz gelangte oder er sie käuflich von Platter erwarb.
Die handtellergrosse Bronzestatuette zeigt den römischen Göttervater lorbeerbekränzt mit seinem Attribut, dem Blitzbündel, in der gesenkten rechten Hand. In der erhobenen Linken hielt er wohl ursprünglich einen Stab, um seinen Oberarm ist die Chlamys gelegt. Der antiquarisch interessierte Sammler hielt die Figur wie so manch andere neuzeitliche Statuette für antik. Doch handelt es sich wohl um eine paduanische Arbeit des frühen 16. Jahrhunderts, der ein hellenistisches Vorbild zugrunde liegt.
Die vermeintlich antike Figur gab den Anstoss für eine künstlerische Schöpfung durch den Bildhauer Hans Michel, der Amerbach eine Reihe von Zeichnungen, Münzen sowie eigene Werke schenkte. Nach dem Vorbild von Amerbachs Jupiter-Statuette schuf er einen Torso aus Alabaster: «Ein zerprochener Jupiter bildlin von moßin nach[:]gmacht durch Hans Michel bildhower, so mirs geben hat» lautet der Eintrag im oben erwähnten Inventar. Neben der ausdrucksstarken, fast doppelt so grossen Steinplastik hat sich auch das Wachsmodell erhalten, das den Entwicklungsprozess vom ganzfigurigen Vorbild zum Torso, bei dem Kopf und Gliedmassen fehlen, dokumentiert. Die in rotbraunem Wachs von der Bronzestatuette abgeformte Figur ist als Studie angelegt, um die Form des Torsos zu erproben. Der rechte Unterarm, der linke Arm mit einem Teil des über die Schulter gelegten Mantels sowie die Beine sind oberhalb der Knie abgeschnitten. Die Wachsoberfläche ist zwar partiell nachbearbeitet, doch bleibt sie an einigen Stellen, insbesondere dem Gesicht und den Haaren, wenig differenziert.
Bei der Ausformung des Alabastertorsos lehnte sich der Bildhauer stärker an das Originalvorbild der Bronzestatuette an. So nahm er den rechten Arm mit dem Blitzbündel wieder auf, führte den linken Arm etwas weiter und das linke Bein bis zum Knie, wodurch eine ausgewogene Komposition entstand. Die Rückseite der Steinskulptur ist nur abbozziert und teilweise verhauen, auch der Hinterkopf ist nicht weiter ausgearbeitet. Möglicherweise blieb das «zerbrochene Jupiter bildlin», dessen Bruchstellen am rechten Arm und im Hüftbereich noch erkennbar sind, aufgrund der Beschädigung unvollendet.
In der Körperauffassung unterscheidet sich der kraftvoll durchmodellierte Renaissance-Torso deutlich von der Bronzestatuette. Die Körperformen sind weniger athletisch, was sich besonders bei der Gestaltung des leicht gewölbten Bauches zeigt. Die plastische Ausarbeitung der Muskulatur und des ausdrucksstarken Kopfes mit der bewegten Bart- und Lockenpracht ist von hoher künstlerischer Qualität.
Der Alabastertorso ist ein bezeichnendes Beispiel für das Antikenverständnis der Spätrenaissance und bezeugt die Meisterschaft des Bildhauers Hans Michel, der neben Daniel Heintz als der bedeutendste Basler Bildhauer der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gelten kann. Von seiner Hand sind ansonsten nur grossplastische Werke bekannt. Die monumentale Statue des legendären Stadtgründers Lucius Munatius Plancus, die bis heute im Rathaushof aufgestellt ist, übergab der aus Strassburg eingewanderte Bildhauer dem Basler Rat 1580 als Dank für die «vonn siner Kunst wegen» unentgeltlich gewährte Aufnahme ins Bürgerrecht. Daneben schuf er Bau-, Grabmals- und Brunnenplastiken in Säckingen, Delsberg und Ribeauvillé. In Basel war er auch im Auftrag anderer Sammler tätig, so fertigte er das von Theodor Zwinger bestellte Epitaph des Ludovic Demoulin de Rochefort in der Basler Peterskirche sowie für Felix Platter die Brunnenfigur des Samson als Bezwinger eines Philisters (s. S. 73, Abb. 6). Letztere ist in der sicheren Beherrschung der Anatomie mit dem kleinformatigen Jupiter-Torso vergleichbar.
Amerbach bewahrte die drei Werke nicht beieinander auf, um den Entstehungsprozess des Torsos zu dokumentieren. Vielmehr brachte er sie nach Materialen geordnet getrennt voneinander unter: Die als Vorbild dienende Statuette bei den anderen Bronzeskulpturen am Münzkasten, vermutlich in einer der drei Schubladen unterhalb der Nischen an der Schauseite des Möbels (Kat.-Nr. 2; s. S. 49, Abb. 8). Das Wachsmodell hingegen befand sich bei anderen «von wachs gegossen» Figuren in der fünften Schublade eines Goldschmiedekastens. Der Jupitertorso aus Alabaster lag zusammen mit einem Mosaikfragment aus Augst und anderen Fundstücken in einer Ecktruhe. Der Bezug zu antiken Fundstücken mag zu der Aufbewahrung des zerbrochenen, unvollendet gebliebenen Torsos geführt haben. Die Torsoform verlieh der Bildhauerarbeit den Charakter einer antiken Statue.
Noch im 18. Jahrhundert bildete Daniel Bruckner den Alabastertorso im 23. Band seines Versuchs einer Beschreibung der Merkwürdigkeiten der Landschaft Basel von 1763 unter den römischen Altertümern von Augst ab. Er hob die kunstreiche Ausführung des «an Händen und Füssen gestümlete[n] Jupiter» hervor und bemerkte richtig, dass er «keine wahre[n] Kennzeichen des Altertums» habe (Bruckner 1763, 13. Stück, S. 2890, Taf. XXVI).

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