Goldschmiedemodell. Frau mit 2 Kindern: Caritas

Goldschmiedemodell. Frau mit 2 Kindern: Caritas

Nürnberg, um 1550
Caritas: Blei, H. 5 cm, B. 4 cm
Inv. 1904.1378. (s. S. 245, Abb. j)
Caritas: Blei, H. 4,4 cm, B. 5,6 cm
Inv. 1904.1577. (s. S. 245, Abb. k)
Triglyphen-Metopenfries: Blei
H. 1,9 cm, B. 8,2 cm, Inv. 1904.1468. (Abb. c)
Fries mit Flechtband: Blei
H. 1,6 cm, B. 9,8 cm, Inv. 1904.1518. (Abb. a)
Fries: Blei, H. 3 cm, B. 7,6 cm, Inv. 1992.68.
Inv. 1904.1577.

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Im Historischen Museum Basel befinden sich zahlreiche Goldschmiedemodelle aus Blei, die aus der Werkstatt des Wenzel Jamnitzer (1507/08–1585) stammen, des zweifelsohne bedeutendsten deutschen Goldschmieds der Renaissance. Die Modelle wurden in den Inventaren bis ins frühe 20. Jahrhundert stets ohne Provenienzangabe erfasst, sind mit grosser Wahrscheinlichkeit aber der Sammlung des Basilius Amerbach zuzuweisen. Dieser besass nach Ausweis seines Inventars von 1585–87 immerhin den Gipsabguss des Sattelbogens für Kaiser Maximilian II., der sicher in der Werkstatt Jamnitzers entstanden war (Kat.-Nr. 55). Amerbach hatte in den Basler Pestjahren 1576/1578 umfassende Nachlässe von zwei oder drei Goldschmieden aufgekauft, und in ähnlicher Weise erwarb er wohl ansehnliche Bestände der Jamnitzer-Werkstatt. Der Goldschmied starb am 19. Dezember 1585 im Alter von 77 Jahren, nachdem bereits sein Sohn Hans zusammen mit seinem Bruder Abraham in die Werkstatt eingestiegen war. Hans befand sich zeitweilig in Geldnöten, was den Verkauf von Teilen nicht mehr benötigten Materials bedingt haben mag.
Bleimodelle waren für Wenzel Jamnitzer wichtige Medien, um komplexe Ornamente beliebig oft durch Guss zu kopieren. Die meisten Basler Modelle wurden an verschiedenen Werken Jamnitzers verwendet, so auch ein pyramidal aufgebautes Modell, dessen Spitze eine Caritas mit zwei Kindern bildet (s. S. 245, Abb. j) und das im Werk des Nürnbergers als Handhabe für zwei Tischglocken (London, British Museum; München, Schatzkammer der Residenz; Kat. Nürnberg 1985, S. 223, Nr. 18; Tait 1988, S. 96–105, Nr. 11., s. S. 248, Abb. unten) sowie auf zwei Entwurfszeichnungen wiederkehrt. Die Handhabe besteht bei den Glocken jeweils aus zwei mit dem Rücken aneinandergelegte Abgüsse dieses Modells. Die Datierungen der Londoner Glocke um 1550/55 und des Münchner Exemplars um 1560/70 belegen, dass die Modelle für den Goldschmied auch nach längerer Zeit nicht an Reiz eingebüsst hatten. Von diesem Modell hat sich eine Variation enthalten, die gegenüber dem ersten Modell um mehrere Voluten und Widderköpfe zu den Seiten erweitert ist und wegen dieser Detailfülle sicher auch Jamnitzer zuzuschreiben ist (Inv. 1904.1577., s. S. 245, Abb. k). Zudem ist hier die zentrale Halbkugel mit Mauresken geschmückt, wohingegen sie bei dem ersten Modell glatt ist, bei der Münchner Glocke Wappen und Initialen zeigt und bei der Londoner Glocke zugunsten einer Öffnung entfernt wurde. Bei den erhaltenen Werken Jamnitzers hat diese Modellvariante keinen Niederschlag gefunden, wohl aber als Angriff einer vermutlich süddeutschen Münzschale (Kat.-Nr. 63). Das Modell zirkulierte aber auch weit ausserhalb des süddeutschen Kulturkreises und findet sich zum Beispiel bei zwei weiteren Münzschalen im Kunsthistorischen Museum Wien und im Nationalmuseum Budapest, an einem Braunschweiger Deckelkrug in Schloss Rosenborg, Kopenhagen, und als Bügelhalter eines Weihwasserkessels des Paderborner Goldschmieds Antonius Eisenhoit (Hayward 1976, S. 212; Kat. Paderborn 2003, S. 313–317, Nr. 87; S. 323f, Nr. 91 [Christoph Stiegemann]). Jamnitzer selbst schliesslich verwendete das Motiv der Caritas in stark vergrösserter Form für den Sattelbogen Kaiser Maximilians II., der wahrscheinlich später als die Glocken entstand (Kat.-Nr. 55).
Andere Modelle nutzte Jamnitzer selber für Ornamente an sehr verschiedenartigen Objekten. Die meisten Modelle aus der Basler Sammlung kann Jamnitzers Prunkkassette im Monasterio de las Descalzas Reales in Madrid auf sich vereinen, die die Stadt Nürnberg 1570 Kaiser Maximilian II. verehrte, aber spätestens 1557 fertiggestellt war (s. S. 244, Abb. a–f). Ein klassisches Architekturornament wie ein Triglyphen-Metopenfries mit Widderschädeln und Rundschilden (s. S. 244, Abb. c), der Teil des Gebälks der Madrider Kassette ist, lässt sich auch an dem Schmuckkasten in der Münchner Residenz-Schatzkammer (um 1550 – 1560), an dem Schreibkasten im Grünen Gewölbe in Dresden (1562) und dem Kaiserpokal in Berlin (um 1565/1570) entdecken. Ein solches Modell war unter Jamnitzers Schülern auch nach seinem Tode noch aktuell, wie unter anderem eine Schmuckkassette seines Schwiegersohnes Hans Straub (1541–1610) im Berliner Kunstgewerbemuseum (um 1593/1602) zeigt. Ein anderer Ornamentfries, der mit Flechtband und Blattranken das Postament der bekrönenden Caritas-Figur der Kassette der Descalzas Reales umzieht, ist bereits deutlich früher gebildet worden, weil er schon die Vase des Merkelschen Tafelaufsatzes von 1549 ziert (s. S. 244, Abb. a; Weber 1975, Nr. 245).
Diese Modelle waren freilich nicht als Unikate in der Werkstatt vorhanden. Dies beweist ein Friesmodell mit Hippokampenreitern und Puttenköpfen (Inv. 1992.68., s. S. 248, oben), das in erweiterter Form auch bei einem Exemplar im Bayerischen Nationalmuseum begegnet und wiederum bei verschiedenen Werken eingesetzt wurde (Kris 1921; Weber 1975, Nr. 242). Gleichzeitig gibt das Basler Modell Einblicke in die Sammlungsgeschichte der Goldschmiedemodelle, da es erst 1989/90 mit einem weiteren Jamnitzer-Modell auf dem Basler Kunstmarkt erschien und 1992 als Kauf in das Museum gelangte. Nachdem Amerbachs Inventar D 1585–87 ungefähr 1580 Modelle zählte, die in der Sammlung der Universität aufgingen und im 19. Jahrhundert um weitere Modelle aus anderen Sammlungen vermehrt wurden, erlitt dieser Sammlungsteil wegen mangelnder Pflege grössere Einbussen, so dass der Bestand gegenüber der Aufstellung Amerbachs heute um wenigstens ein Drittel reduziert ist. Offensichtlich geriet dabei das eine oder andere Goldschmiedemodell – so wie die vor zwei Jahrzehnten zurückgekehrten Stücke – in die Hand von Liebhabern.

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