09. März 2016 | von Rebecca Häusel und Sabine Söll-Tauchert Kommentieren

Wasser zu Wein!

Das Rätsel um den Pokal


Mühlenpokal mit Weinwunder
Hans Hoese, Münster, vor 1617, Silber, teilweise vergoldet, H. 49 cm, Gewicht: 1‘316 g,  Privatbesitz

Lange rätselte man über die Funktion dieser aussergewöhnlichen Pokale. Handelt es sich um einen Tischbrunnen, der der tafelnden Gesellschaft Wasser zur Reinigung der Hände lieferte? Oder um einen Duftbrunnen, der wohlriechende Düfte verströmt? Oder um ein Scherztrinkgefäss?

Erst vor einigen Jahren konnte das Rätsel gelöst werden.

 

Wie der Film zeigt, lässt sich mithilfe dieses Pokals auf wundersame Weise Wasser in Wein verwandeln. Aber wie ist diese Wandlung möglich?

 

Raffinierter Mechanismus

Der Pokal setzt sich aus einer Kuppa mit drei Spangen und einem darunter liegenden Becher mit Abflussrinne sowie überdachtem Mühlrad zusammen. Noch vor dem Eintreffen der Gäste muss der Gastgeber Wein in das Gefäss giessen. Im Innern der Kuppa befinden sich ein Aussenrohr und ein oben kürzeres Innenrohr. Der Wein fliesst in das Aussenrohr, wobei der Weinspiegel unter dem Überlauf liegen muss, damit das Innenrohr nicht mit Wein gefüllt wird. Die Gäste sollten beim Abnehmen des Deckels nicht sehen, dass sich bereits Wein in der Kuppa befindet.


Schema 1: Wein einfüllen


Schema 2: Wasser einfüllen
Schnittzeichnungen des Pokals (Schema 1 und 2): Detlef Dressler; Farbliche Ergänzungen: Martin Kiener Antiquitäten.

Durch den Druck des einfliessenden Wassers steigt der Wein im Aussenrohr an und läuft über den Überlauf in das Innenrohr bis in den unteren Bereich. Dieses kesselförmige Gefäss ist mit Ausgüssen bestückt, aus denen schliesslich der Wein in die untere Schale fliesst und in der Rinne das Mühlrad in Gang setzt. Wird der Wasserfluss unterbrochen, fliesst auch kein Wein mehr aus den Öffnungen, was die "Wunderwirkung" unterstreicht.

Denkbar ist, dass die Prunkstücke an einem festen Platz am Tischrand standen. Der Wein floss über die Rinne direkt in ein Trinkgefäss, das im entsprechenden Moment an der richtigen Stelle hingehalten werden musste. Im Inventar des Münsterischen Ratssilbers wird im 17. Jahrhundert ein solcher Mühlenpokal erwähnt, der wohl bei offiziellen Anlässen der gemeinschaftlichen Zeche diente.

Das Windrad und weitere spannende Details

Die Kuratorin Dr. Sabine Söll-Tauchert demonstriert das Windrad in Aktion und enthüllt weitere interessante Details:


Der aussergewöhnliche und erstaunlich gut erhaltene Mühlepokal von Hans Hoese ist noch bis zum 3. April 2016 in der Ausstellung „Silber & Gold“ im Museum für Wohnkultur zu sehen.

Fakten-Box

Die wenigen bekannten Vergleichsstücke solcher Mühlepokale entstanden im Verlauf des 17. Jahrhunderts an unterschiedlichen Orten und befinden sich heute in folgenden Sammlungen:

  • London, Victoria and Albert Museum (mit Augsburger Ortsmarke)
  • Lübeck, Museum für Kunst und Kulturgeschichte
  • Budapest, Museum für Angewandte Kunst (mit Wiener Ortsmarke)
  • Ehemals Kunsthandel, vermutlich Privatbesitz
  • Der Mühlepokal in der Ausstellung „Silber & Gold“ von Hans Hoese sowie ein weiteres aus Münster stammendes Objekt von dessen Gesellen Hans Stilkindt befinden sich in Privatbesitz.

Für weitere Informationen: Axel Schollmeier: Ein "wunderliches Trinkgerät": Ein münsterischer Goldschmiedepokal mit einer Wassermühle von Hans Stilkindt. In: Westfalen und Italien. Festschrift für Karl Noehles, Hrsg. Hugo Grote et.al., Petersberg 2002, S. 105-124.

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