09. Februar 2017 | von Samuel Bachmann Kommentieren

Vom Labor ins Museum

Erst 2009/2010, dank zweier grosszügiger Schenkungen an historischen Laborgeräten, ist die 150-jährige Industriegeschichte der Stadt Basel richtig im HMB angekommen. Die Ausstellung „Wirk.Stoffe“  präsentiert nun einige dieser Objekte zum ersten Mal. In meiner Auseinandersetzung als Ausstellungsmacher mit den teils befremdlich anmutenden Geräten versuchte ich Antworten auf die Frage zu finden, warum bis anhin das Sammeln von historischen Objekten zur Basler Chemie fast gänzlich den Firmen selbst überlassen war? Und ich bereute schmerzlich, damals im Chemieunterricht nicht ein bisschen besser aufgepasst zu haben. 

NEULAND FÜR HISTORISCHE MUSEEN

Kurt Paulus, damals Laborleiter in der Novartis Pharma AG, entdeckte Ende der 1990er Jahre in einem Kellerschrank der Klybeckwerke die 165 Laborgeräte und als er sich nach ihrer Verwendung erkundete, erfuhr er, dass sie dort nur auf ihre Entsorgung warteten. Seinem Interesse für historische, physikalische Geräte und seinem aussergewöhnlichen Sammlergespür ist es zu verdanken, dass er die Objekte vor der Vernichtung rettete und sie 2010 schliesslich als private Sammlung dem HMB schenkte. Die Paulus-Sammlung eröffnet eine faszinierende, kaum bekannte Welt von ausserirdisch wirkenden Gerätschaften. Die rohe Mechanik der älteren Instrumente weckt Bilder von schrägen Wissenschaftlern und ihren rätselhaften Experimenten. Neuere Apparate zeugen von der sich selbst immer wieder aufs Neue übertreffenden Präzision dieser Wissenschaft, die selbst Unsichtbares sichtbar machen und scheinbar Masseloses messen kann. Der Geisteswissenschaftler fragt sich angesichts der Begriffe Kolorimeter, Spektroskop, Oszillograph oder Kymographion auch, auf welchem Planeten diese Begriffe wohl eine Bedeutung haben mögen? 

Als Historiker wäre es mir mehr als gelegen gekommen, der Röntgenspektroskopie keine Relevanz für die Industriegeschichte Basels beimessen zu müssen. Gleichzeitig kommt es dem Chemiker wohl beim Erstellen seiner Labornotizen nur selten in den Sinn, seine Tätigkeit auch in kulturhistorischer Sicht zu reflektieren. Erst in fortwährender Auseinandersetzung mit der Geschichte der organischen Chemie und dank der Bereitschaft des Sammlers, auch die laienhaftesten meiner Fragen mit unerschütterlicher Geduld zu beantworten,  – erst in der Begegnung der Expertisen – gelang es, die Industrieobjekte in einen sammlungs- und wissenschaftsgeschichtlichen Kontext zu stellen.   

WIESO DAS HMB EINEN RÖNTGENDIFFRAKTOMETER BRAUCHT

Dass die chemisch-pharmazeutische Industrie eine Schlüsselrolle in der neueren Geschichte der Stadt Basel einnimmt, steht ausser Frage – auch für das HMB. Doch nur in den seltensten Fällen wurden in Historischen Museen systematisch Technologie- und Industriesammlungen angelegt – das HMB ist dabei keine Ausnahme. Hinzu kommt, dass Technik- oder Industriemuseen in der Schweiz generell spärlich gesät sind. Tatsache ist, dass man das Sammeln dieser kulturellen Zeugnisse lange Zeit gänzlich den Unternehmen selbst überliess, denen es aber letztlich ausschliesslich um die Darstellung der eigenen Firmengeschichte  geht. Die öffentliche Sammlung hingegen orientiert sich an der Industrie in Bezug auf die Stadt und die Gesellschaft. Erst im Museum bekommen die Objekte eine Bedeutung, die über ihre Funktionalität in einem Unternehmensprozess hinausgeht.   

Das Fehlen der Technologie- und Industriesammlungen in kulturhistorischen Museen kann wohl unter anderem den disziplinären Gräben zwischen den Natur- und den Geisteswissenschaften geschuldet werden. Das erstaunt, denn die Auseinandersetzung mit der materiellen Kultur einer Industrie hilft, sie besser zu verstehen. Wie selbstverständlich schlagen die Objekte dabei die dringend benötigten Brücken zwischen den Disziplinen und räumen der Industriegeschichte den Platz im Museum ein, den sie verdient. Die Paulus-Sammlung hat eine Entwicklung angestossen, die das HMB zweifelsohne bereichert und ich bin gespannt, ob und inwieweit  dieses Aufeinandertreffen auch das Geschichtsbewusstsein in der Industrie in Bewegung zu versetzen vermag.  

Die Sonderausstellung "Wirk.Stoffe. Chemisch-pharmazeutische Innovationsgeschichten" kann noch bis zum 18. Juni 2017 im Opens internal link in current windowMuseum für Geschichte besucht werden. Anschliessend wird die Ausstellung in der Opens external link in new windowDASA in Dortmund gezeigt. 

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