13. April 2017 | von Marcus Starzinger, DASA in Dortmund Kommentieren

Vom Dünger zum Sprengstoff

Fritz Haber und die militärische Nutzung von Innovationen der chemischen Industrie

Auf der Suche nach Themen und Geschichten für die Ausstellung sind wir im Team immer wieder auf Innovationen gestossen, die einen hohen gesellschaftlichen Wert aber gleichzeitig auch einen sehr unmittelbaren Bezug zu Krieg und militärischer Nutzung hatten. Vielleicht eine Erklärung dafür, dass obwohl die moderne Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft ohne chemische Industrie nicht denkbar wäre, viele Menschen in der westlichen Welt ein ambivalentes Gefühl gegenüber „der Chemie“ haben. Ein Thema, dass hierzu sehr gut passt und als Geschichte ausgesprochen spannend und berührend  ist, hat den Weg nicht in die Ausstellung gefunden. Dies hatte inhaltliche Gründe, denn wir wollten in der Ausstellung vor allem auf Produktgeschichten eingehen. Dieser Blog bietet nun aber die Möglichkeit, sie doch zu erzählen. 

Segen und ...

Bei kaum einer anderen Innovation wird die Nähe von Segen und Fluch so deutlich wie bei dem 1911 patentierten „Verfahren zur synthetischen Darstellung von Ammoniak aus den Elementen“. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts weiss man aufgrund der Forschungen von Justus Liebig, dass die Aufnahme von Stickstoff eine Grundlage für das Wachstum von Pflanzen ist. Diesen Stickstoff führte man in der Landwirtschaft den Feldern über Mist und Kompost zu, später auch über natürlich vorkommende Stickstoffdünger wie Guano oder Chilesalpeter. Die stark ansteigende Bevölkerung des 19. Jahrhundert erzeugte eine immer stärkere Nachfrage nach Lebensmitteln aus landwirtschaftlicher Produktion. Parallel dazu erkannte man aber, dass die Vorkommen von natürlichen Stickstoffdüngern begrenzt sind. Schon 1889 forderte der britische Chemiker William Crookes deshalb ein Verfahren, das den in der Luft enthaltenden Sticksoff isolieren und fixieren solle. Nur so könne man in Europa drohende Hungersnöte verhindern. Ungefähr 10 Jahre später gelang der Durchbruch. Die deutschen Chemikern Fritz Haber und Carl Bosch entwickelten mit der Ammoniaksynthese aus atmosphärischen Stickstoff und Wasserstoff das sogenannte Haber-Bosch-Verfahren. 

Opens external link in new windowErster Ammoniak-Reaktor (9.000 jato) der BASF bei der Montage im Werk Oppau (BASF)

Damit wurde die Grundlage für die industrielle Herstellung von Stoffen gelegt, die bis heute die Basis von synthetischen Düngern ist und so die Ernährung der Weltbevölkerung ermöglicht. Haber bekam dafür den Nobelpreis. So viel zum Segen.

Opens external link in new windowDie Wirkung von Ammoniumsulfat, Werbung als Postkarte, Frankreich 1913

... und Fluch

Mit dem synthetisierten Ammoniak konnte aber auch Salpeter als unverzichtbares Element in Schiess- und Sprengstoffen ersetzt werden. Daher ist es nicht verwunderlich, dass in den aussenpolitisch angespannten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg die deutsche Militärführung die Entwicklung dieses Verfahrens massiv forcierte. Tatsächlich war Deutschland dann im Krieg unabhängig von Salpeterlieferungen aus Übersee, die die Engländer durch die Seeblockade unterbanden. Das Massensterben von Verdun, in Flandern und an der Marne wurden also erst durch das Haber-Bosch-Verfahren möglich, wobei die Deutschen wohl ohne die tatkräftige Unterstützung durch ihre potente chemische Industrie schon 1915 hätten kapitulieren müssen, so die durchaus plausible These einer Historikerin.

Luftaufnahme eines deutschen Gasangriffs, 1916 (Bundesarchiv, Bild 183-F0313-0208-007 / CC-BY-SA 3.0)

Unmittelbar nach Kriegsbeginn wurde Fritz Haber als Abteilungsleiter der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft verantwortlich für die Forschungen für das gesamte Kampfgaswesen. 

Opens external link in new windowFritz Haber1918 (The Nobel Foundation)

Haber experimentierte vor allem mit Phosgen und Chlorgas. Letzteres wurde zum ersten Mal an der Westfront in Ypern am 22. April 1915 eingesetzt. Die Ehefrau Fritz Habers, die promovierte Chemikerin Clara Haber, geb. Immerwahr missbilligte öffentlich die Arbeit ihres Mannes. Ihre Opposition erlangte den tragischen Höhepunkt in der Nacht nach der Feier zum „erfolgreichen“ Einsatz von Ypern, in der sich Clara mit Habers Dienstwaffe im Garten der Villa in Berlin erschoss. 

Doch die Geschichte Habers ist damit nicht zu Ende erzählt, denn sie hat noch eine besonders makabre Episode. Im April 1917 gründete Haber einen „Technischen Ausschuss für Schädlingsbekämpfung“. Dort führt man mit Blausäure Begasungen von Getreidesilos, Militäranlagen und Grenzübergängen durch. Dieser Ausschuss wurde zur „Deutschen Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung“ (Degesch), die später von der „Degussa“ übernommenen wurde. Zwei Mitarbeiter von Haber, Ferdinand Flury und Albrecht Hase entwickelten dort ein Präparat aus Cyan- und Chlor­Verbindungen, das 1920 unter dem Namen Zyklon patentiert und dann in einem weiteren Schritt zu Zyklon B weiterentwickelt wurde. 

Zyklon-B-Dose - Aufnahme aus der Ausstellung im KL Auschwitz-Birkenau (Foto: Michael Hanke)

Zwischen 1942 und 1944 wurde Zyklon B unter anderem im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau in grossem Umfang für den industriell organisierten Massenmord benutzt. Es wurde zu einem der Synonyme für die Technik und Systematik des Holocaust, zu dessen Opfern auch einige Familienmitglieder von Haber zählten.

Fritz Haber selbst – der Sohn jüdischer Eltern – emigriert 1933 aus Deutschland. 1934 starb er auf dem Weg nach London in einem Hotel in Basel und wurde dort auf dem Hörnli-Friedhof beerdigt. Auf Wunsch des Sohnes wurde die Urne seiner Frau 1937 ebenfalls in Basel bestattet.

Die Sonderausstellung "Wirk.Stoffe. Chemisch-pharmazeutische Innovationsgeschichten" kann noch bis zum 18. Juni 2017 im Opens internal link in current windowMuseum für Geschichte besucht werden. Anschliessend wird die Ausstellung in der Opens external link in new windowDASA in Dortmund gezeigt. 

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