23. August 2016 | von Marcel Henry Kommentieren

Urban Erasmus Trail

Dem Reinkarnierten Humanisten auf den Fersen

Ich hatte den Wiener Konzeptkünstler Opens external link in new windowOliver Hangl vor sieben Jahren entdeckt und seine frühen Arbeiten "Opens external link in new windowKino im Kopf" erstmals noch im selben Jahr in einem Opens external link in new windowArtikel erwähnt. Mit dem Projekt Erasmus MMXVI und der Idee, den Humanisten Erasmus von Rotterdam mit einer gewissen zeitgenössischen, künstlerischen und kuratorischen Freiheit zu thematisieren – dies nicht zuletzt mit dem Ziel, neue und online-affine Zielgruppen für die Haltung dieser Leuchtfigur der Renaissance zu begeistern – , war endlich die Gelegenheit für ein gemeinsames Projekt gekommen. Doch diesmal war, im Gegensatz zu Hangls Tramtouren in Wien und Graz, bei denen er sich auf gut bekannte Filme stützte (wie etwa „Die Truman Show“ oder „Kottan ermittelt“), noch keine Tonspur vorhanden. Wir brauchten folglich einen Autor für die Geschichte. Lukas Linder, ein junger Basler Theaterautor, talentiert und ohne Starallüren, war einverstanden, mit uns das Experiment zu wagen. So hatten wir uns erst per Skype ausgetauscht, bevor wir schliesslich zu dritt durch Basel pilgerten, auf der Suche nach attraktiven Routen und Elementen, auf die sich das neue Hörspiel rund um Erasmus stützen konnte.

Wir waren uns rasch einig, dass wir nicht das Bilderbuch-Basel zeigen sollten. Wir wollten jenes Basel abbilden, das Erasmus im Jahr 2016 antreffen würde. Dazu sollte auch der Port of Switzerland gehören; später wollten wir in Richtung Heuwaage, schliesslich über den Kohlenberg und den Heuberg ins Totengässlein. Aber warum eigentlich nicht ans Rheinufer, ja warum nicht auf den Rhein, auf die Fähre Richtung Klingental? So wurde an der Streckenführung geschraubt und nach ausgiebigen Stadtwanderungen mit Oliver tagsüber schrieb Lukas meist abends und nachts am Manuskript weiter. 


Einblick in die Text-/Szeno-/Props-Produktion

Visualisierung der Route mittels Google Map im Januar 2016.


EINE GESCHICHTE MIT KRIMICHARAKTER

Entstanden ist eine Geschichte auf den Fersen eines wiederauferstandenen Erasmus, der im Jahr 2016 in der Gestalt eines Rotterdamer Rahmenmachers nach Basel zurückkommt, um sein Opus magnum, "Die Tollwut der Leere", hier zu veröffentlichen. Der Plot hat Krimicharakter und der reale Raum funktioniert als Bühne der Handlung. Die Audiospur verbindet die Geschichte mit dem Stadtraum. Anfänglich wollten wir, wie in der Ausstellung, auch im Trail mit Augmented Reality (AR) und Virtual Reality (VR) arbeiten, haben uns aber schliesslich dagegen entschieden. Der urbane Raum verlangt schon genügend Aufmerksamkeit ab, so dass eine Datenbrille ein zu grosses Sicherheitsrisiko für das Publikum und Passanten geworden wäre.


DIE TAGE IM SRF STUDIO

Im Februar 2016 war die Zeit reif, um – nach Auswahl der Sprecherinnen und Sprecher – mit dem Manuskript ins SRF-Studio nach Zürich zu fahren. Unter der Regie von Oliver Hangl entstand dort schliesslich während zwei Wochen die Audiospur zum Hörspiel. Das Sounddesign hatten die Wiener Komponisten und Musiker Opens external link in new windowSofa Surfers erarbeitet.


BEACON MACHEN ES MÖGLICH

Dass das Publikum während des Trails immer die entsprechenden georeferenzierten Soundspuren zu hören bekommen, ist dem Einsatz von sogenannten Beacons zu verdanken. Initiates file downloadBeacons sind kleine Bluetooth-Sender, die einen Durchmesser von ca. 3 cm aufweisen und nur wenige Gramm wiegen. Beim Platzieren dieser Sender stellten wir fest, dass diese nicht immer gleich eingestellt werden können, da deren Strahlen je nach Untergrundmaterial unterschiedlich geleitet werden. Hinzu kam die Schwierigkeit, dass nicht alle mobilen Geräte gleich empfindlich sind. Und so mussten wir, mittels Trial und Error, Platzierungen und Einstellungen finden, die das Abspielen der Audiofiles bei der Mehrheit der Benutzerinnen und Benutzer gewährleisten. Die Besucherinnen und Besucher werden über ins Hörspiel integrierte Betrachteranweisungen durch die Stadt geführt und teils auch choreografiert, wenn sie, z.B. am Barfüsserplatz, aufgefordert werden, stehen zu bleiben und die Augen zu schliessen.


Ein Beacon von EM Microelectronic (die Firma gehört zur Swatch Group), wie sie zum Auslösen der Audiofiles entlang der Trail-Strecke eingesetzt werden.


STEIGERUNG DER REALITÄT

An zahlreichen Orten im Stadtraum hat Oliver Hangl künstlerische Interventionen vorgenommen, die für den Hörer die Geschichte verdichten oder spielerisch erweitern. Am sichtbarsten ist vielleicht das Erasmus Zitat „Concedo nulli“ (Ich weiche vor nichts und niemanden), das als 14 m lange Asphaltbeschriftung die Mittlere Brücke ziert. Neben zwei weiteren Sätzen auf der 11'000 Jungfrauen-Treppe sowie im Imbergässlein schreibt der Künstler die Geschichte auch weniger offensiv in öffentliche und auch halböffentliche Räume (z.B. Kaufhaus Globus, Buchhandlung Labyrinth) ein. Z.B. liess er am Gitter des Rathauses eine Erasmus-Silhouette so befestigen, dass diese in den Nachmittagsstunden ihren Schatten ins politische Zentrum der Stadt wirft. Weiter sind es ein Aquarium, eine mit einem Eselskopf verzierte Fassade am Marktplatz und Bücher, die in alltägliche Situationen integriert wurden.

Zu den "Props" gehört auch eine Zeitung, die am K Kiosk beim Globus gratis bezogen werden kann und die Teil des Hörspiels ist.


ERASMUS CONNECTING PEOPLE

Wichtig war mir von Beginn an, dass dieses Projekt zahlreiche Kooperationen begünstigt, die ohne Erasmus nicht entstanden wären. Denn zur Realisierung war die Mithilfe vieler und sehr unterschiedlicher Akteure notwendig. So konnten wir das Kaufhaus Globus, eine Bäckerei, eine Konditorei, einen Kiosk, eine Immobilienagentur oder auch die Klingentalfähre begeistern, Teil des Experiments zu werden. Besonders ins Zeug gelegt haben sich die Gründer und Kuratoren des Opens external link in new windowHoosesaggmuseums. Dagmar und Matthias Vergeat haben sich für ihr vielbeachtetes Museum vom Leben und Werk des Erasmus inspirieren lassen. Dabei herausgekommen ist eine Mini-Ausstellung, in der Dagmar und Matthias zahlreiche Sprichwörter aus der "Adagia" des Erasmus inszenieren, die Erasmus-Objekte des HMB paraphrasieren und eine fiktive Tagesschau zeigen, indem der SRF-Bundeshauskorrespondent Hanspeter Forster vom Verschwinden des Johan Nosoponus alias Erasmus von Rotterdam berichtet.


Hanspeter Forster berichtet im Video vom Verschwinden von Johan Nosoponus. Das Video wird während der Laufzeit von Erasmus MMXVI im Hoosesaggmuseum gezeigt.

Insgesamt ist der Trail ein Versuch, mit den Objekten und Themen aus dem Museum den Stadtraum zu fluten und so ausserhalb der Mauern ein Bedürfnis für eine Auseinandersetzung mit Geschichte und historischen Figuren im Museum selbst zu schaffen. So wurden die Objekte des Humanisten, über die das HMB seit Jahrhunderten wacht und der Öffentlichkeit Jahr für Jahr zugänglich macht, die Basis für eine literarisch-künstlerische Auseinandersetzung.

Bereits 1944 hatte das HMB von Robert Christ alias Fridolin ein Theaterstück mit dem Titel "Au rendez-vous des siècles" inszenieren lassen, bei dem fünf Personen aus verschiedenen Jahrhunderten gemeinsam im Gespräch standen. Damals war der Anlass das 50-jährige Bestehen des HMB, diesmal das 500. Jubiläum der ersten Veröffentlichung des griechischen Neuen Testaments des Erasmus' durch Johann Froben.

Der Trail kann noch bis zum 25. September hier heruntergeladen werden.
Eine Besprechung des Trails hören Sie in der Radiosendung im SRF2 vom 8. Juni 2016.

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