22. Juni 2017 | von Susanne Bennewitz, Historikerin Kommentieren

Maria Brüstle

Bewilligt. Geduldet. Abgewiesen.

Im Rahmen der Ausstellung „Bewilligt. Geduldet. Abgewiesen.“ des Projekts „Opens external link in new windowMagnet Basel“ haben wir für die gemeinsame Blogserie mit dem Opens external link in new windowStaatsarchiv Basel-Stadt verschiedene Persönlichkeiten mit Migrationsbezug eingeladen eine Biografie aus der Ausstellung zu kommentieren und zu schildern, was in ihnen vorgeht, wenn sie die entsprechende Geschichte lesen. Die Historikerin Susanne Bennewitz hat sich für die Biografie von Maria Brüstle interessiert – einer jungen Frau aus Baden-Württemberg, die 1931 als Hausangestellte nach Basel kam und nach dem Krieg wieder ausgeschafft wurde. Susanne Bennewitz kennt die Akten des Basler Staatsarchivs aus eigener Forschung. Sie arbeitet gerade über die Verfolgung von Bürgerrechtsehen von Migrantinnen in den 1930ern. Hier schreibt sie, welche Gedanken  beim Ausstellungsbesuch abgelenkt haben und weshalb sie an der Biografie von Maria Brüstle hängengeblieben ist.

Susanne Bennewitz über Maria Brüstle

Ahhh, - ein kühler Raum und ruhig ist es hier. Stimmt, im Kirschgarten fühl ich mich immer gleich ein bisschen wichtiger, das alte Gemäuer, der alte Stadtadel, das färbt irgendwie ab. War ja was Feines, solche Repräsentationsräume mitten in der Stadt. Hier muss irgendwo die Show mit der Fremdenpolizei sein,  zu „Magnet Basel“. Soll ne Menge zu lesen sein. Hoffentlich muss ich mir nicht die Beine in den Bauch stehen. 

Na, der Raum ist gar nicht mehr so wohnlich – wohlig. Weiss. Jetzt wird seziert. Schnitte in die Geschichte. Wessen Geschichte? Und wer guckt hier eigentlich, sind die andern auch Ausländer, wie ich. Oder echte Bebbis? Das Ehepaar da drüben, die tuscheln zwar nur, aber da hör selbst ich, dass der Mann nicht von hier ist, vielleicht Ungarn, in den Fünfzigern gekommen? 

Lauter Biografien. Aber mit Cartoons, daran orientiere ich mich erstmal. Hier, „Maria Brüstle“ beginnt mit einer Kirche im Dorf, mit einem Baby und in der Mitte ein Pfarrer über einem Sarg. Beschürzte Frau knetet Hefeteig. Typ braves Mädel vom Lande. „Wie Maria Brüstle 1931 als junge Frau nach Basel kommt, 18 Jahre lang in verschiedenen Basler Haushalten arbeitet und am Ende aufgrund eines Diebstahlverdachts ausgeschafft wird.“ Das ist geschickt, die Texter vermeiden das Wort „Dienstmädchen“, reden stattdessen von Arbeit. Hab ich gerade bei einem Frauenverband gelesen, dass die in den 1920er Jahren geschafft haben, das Arbeitsamt von einer richtigen Berufsbezeichnung zu überzeugen, nur die ausländischen firmierten weiter als „…mädchen“. Das lese ich jetzt mal richtig, wird schon nicht so schlimm werden, klingt ja eher nach Schnitzelbank. Entweder sie hat gestohlen oder sie hat nicht gestohlen.

 

Originalillustrationen von Milena Schnell (Illustratorenkollektiv „Balsam“) ergänzt mit Zeichnungen in Farbe von Susanne Bennewitz.   

Eine halbe Stunde später habe ich einen Kurzkrimi intus. Die Frage ist nicht mehr, ob jemand gestohlen hat, sondern weshalb ein Arbeitgeber eine Hausangestellte in dem Moment wegen Diebstahls anzeigt, in dem sie erstmals arbeitgeber-unabhängige Papiere beantragt. Der Staatsanwaltschaft ist die Anzeige zu windig, aber für eine Ausweisung mit zwei Jahren Landesverbot reicht es doch. Und Maria ist auch kein unbedarftes Mädchen. Sie hat einen Partner, Vater ihrer zwei Kinder. Seit zwölf Jahren finanzieren sie gemeinsam die laufenden Kosten, wohnen zusammen, sofern sie Ausgang zum „Wohnen“ hat. Ein italienischer Name. Wahrscheinlich war es während des Krieges schlicht unmöglich, diese internationale Familie in ein Eheregister eintragen zu lassen. Bourdieu vergleicht die Lebensläufe, die in staatlichen Akten überleben, mit den Stationen und Schnitten einer U-Bahn durch das Weichbild einer Stadt. Behördliches Raster, biografische Illusion.

Es liegen auch Briefe von ihrer Hand in den Akten. Knapp, kein Wort zu viel, sie versteckt sich hinter Amtsfloskeln. Kein Leben der Selbstdarstellung. Memoiren werden wir von ihr also nie finden. Ihre Handschrift in ihrer Akte in der Ausstellung im Kirschgarten in Basel kann das wettmachen.

Brief aus dem Dossier von Maria Brüstle (Staatsarchiv Basel-Stadt, PD-REG 3a 1084)

Susanne Bennewitz, Saarbrücken, würde gerne so gut zeichnen können wie die Illustratoren des Projekts „Magnet Basel“. Als Historikerin darf sie meist nur Texte aus Texten basteln. In den Jahren 1997 bis 2004 lebte sie mit ihrem Mann in Basel und promovierte an der Universität. Die eigene Arbeitszulassung erhielt sie aber nur dank ihrer Ausbildung als Informatikerin. Im November 2017 erscheint ihr nächstes Buch, in dem sie erklärt, weshalb man dem Einwanderer gerne unterstellt, er spräche die Landessprache nicht gut genug. 1800 galt das zum Beispiel für Juden in Basel.

Das Dossier in der Ausstellung

 

Das aufgearbeitet Dossier stammt aus der Ausstellung „Bewilligt. Geduldet. Abgewiesen“ des Projekts „Magnet Basel“. Die entsprechenden Referenzen zu den Akten des Staatsarchivs Basel-Stadt sowie die Bildverweise sind im Dossier abgedruckt. (©teamstratenwerth GmbH, Grafik: Hug & Eberlein, Leipzig – BaselDie Ausstellung „Bewilligt. Geduldet. Abgewiesen“ ist noch bis zum 1. Oktober 2017 im Museum für Wohnkultur zu sehen. Weitere Informationen zum Projekt „Magnet Basel“ und den anderen Ausstellungen finden Sie hierDie Blogbeiträge des Staatsarchivs Basel-Stadt zur gemeinsamen Serie sindOpens external link in new window hier publiziert.

 

 

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