23. Februar 2017 | von Daniel Suter Kommentieren

Heroin, LSD & Crystal Meth

Alkohol, Cannabis, Coca, Khat, Opium, Tabak, Kaffee, Tee oder Zauberpilze – stimulierende und berauschende Substanzen haben in vielen Kulturen eine lange Tradition. Da die meisten von ihnen auch als Heilmittel eingesetzt wurden, erstaunt es nicht, dass sich die chemisch-pharmazeutische Industrie von Beginn weg mit vielen von ihnen auseinandersetzte und daraus Arzneimittel entwickelte.

Bei der Vorbereitung zur Ausstellung „Wirk.Stoffe“ hatten wir uns überlegt, ob wir nicht beispielsweise LSD in die Reihe der vorgestellten Innovationsgeschichten aufnehmen sollten. Angesichts der vielen spannenden Geschichten mussten wir uns aber beschränken. Ich möchte in diesem Beitrag nun auf diese und zwei weitere Substanzen näher eingehen, an denen sich zeigen lässt, wie über medizin- und gesellschaftspolitische Prozesse aus legalen, industriell hergestellten Arzneimitteln  verbotene und geächtete „Drogen“ wurden. Konkret handelt es sich um Heroin, LSD und Crystal Meth – Stoffe, die auch heute noch die Suchtmittelbehörden beschäftigen, deren Hintergrund als legale Marktprodukte aber oft vergessen wird. 

HEROIN IM GROSSHANDEL

Mit der Isolierung des schmerzstillenden Wirkstoffes „Opens external link in new windowMorphium“ entstand 1804 das wichtigste Schmerzmittel der Medizingeschichte. Problematisch war nur, dass es rasch zu Suchterscheinungen führte. Bei der Firma Bayer versuchte man daher, das aus Opens external link in new windowOpium hergestellte Morphium chemisch so zu verändern, dass es zwar schmerzstillend war, aber nicht mehr süchtig machte. 1897 kam das halbsynthetische „Diacetylmorphin“ unter dem Namen „Heroin“ auf den Markt. Es wurde als Ersatz für Morphium und als Arzneimittel gegen Atemwegserkrankungen angepriesen. Weil Heroin anfänglich nur oral und in kleinen Dosen verabreicht wurde, zeigte sich die Suchtproblematik erst mit einiger Verzögerung. Im Rahmen des internationalen Kampfes gegen Opium – angeführt von den USA – geriet auch der Handel mit Heroin unter Druck. Dies brachte etliche Firmen wie Hoffmann-La Roche, Ciba und Sandoz in Bedrängnis, weil die Herstellung und der Vertrieb von Opiaten ein wichtiges Standbein für sie war. Auf Druck der Pharmabranche baute die Schweiz im ersten Betäubungsmittelgesetz von 1924 noch ein grosses Schlupfloch für den Export dieser Produkte ein. Und obwohl die Schweiz der internationalen Opens external link in new windowOpiumkonvention von 1925 beitrat, die Heroin als Betäubungsmittel klassifizierte, entwickelten sich die Schweizer Firmen bis 1929 zu weltweit führenden Heroinlieferanten. Erst 1931 wurden die internationalen Kontrollen verschärft und die Produktion auf rein medizinische und wissenschaftliche Zwecke begrenzt. 

LSD ZWISCHEN PSYCHIATRIE UND PARTY

Die Basler Firma Sandoz forschte seit 1917 an den Inhaltsstoffen des Opens external link in new windowMutterkornpilzes. Bereits 1921 konnte mit Gynergen ein erfolgreiches Arzneimittel gegen Nachgeburtsblutungen auf den Markt gebracht werden.  In den 1930er-Jahren suchte der für Sandoz tätige Chemiker Albert Hoffmann unter den Substanzen im Mutterkorn nach einem Wirkstoff zur Stimulierung des Kreislaufs und stiess dabei auf Lysergsäurediethylamid, kurz LSD. Per Zufall entdeckt er dessen halluzinogene Wirkung.  Sandoz brachte LSD unter dem Namen „Delysid“ 1949 auf den Markt. Zum einen sollte es in der Psychiatrie zu Forschungszwecken verwendet werden, um Patienten den Zugang zum Unbewussten zu ermöglichen, zum anderen war es als „Psychomimetikum“ gedacht, um den Psychiatern die Möglichkeit zu geben, sich in die Zustände ihrer psychotischen Patienten einzufühlen. Hoffmann war dementsprechend entsetzt, als LSD in den 1960er-Jahre zur Hippie-Droge wurde. Schon bald folgten in verschiedenen Ländern staatliche Verbote. Dies führte schliesslich dazu, dass 1971 die therapeutischen Versuche eingestellt wurden. Ab den 1980er-Jahren wurde LSD erneut von der Technoszene als Partydroge entdeckt. Und auch die Psychiatrie beginnt sich in den letzten Jahren wieder vermehrt mit der Substanz auseinanderzusetzen. 

Heroin und LSD waren anfänglich primär als Arzneimittel gedacht und wurden erst durch Suchterscheinungen und Missbrauch zu „Rauschgiften“, die man über Verordnungen und Gesetze verbot und zu kontrollieren versuchte. Was in einer Gesellschaft als „Droge“ oder „Betäubungsmittel“ angesehen wird, unterliegt meist einem sozio-kulturell geprägten Aushandlungsprozess, bei dem aber immer auch wirtschaftspolitische Faktoren eine Rolle spielen. Dies veranschaulicht das Beispiel von Methamphetamin. Dieses wurde schon bald nach seiner Entdeckung primär als Mittel zur Leistungssteigerung eingesetzt - sei es im Alltag, Sport oder Militär. Im Gegensatz zu berauschenden Stoffen entsprach es ganz dem Zeitgeist einer zunehmend auf Leistung getrimmten Gesellschaft und geriet daher trotz Suchterscheinungen und massiven Nebenwirkungen nicht so rasch ins Register der Betäubungsmittel.

PERVITIN MACHT DIE HAUSFRAU FRÖHLICH

1938 brachten die Temmler-Werke in Berlin Opens external link in new windowMethamphetamin unter dem Namen Pervitin als Medikament zur Stimulierung des Kreislaufes, als Antidepressivum und allgemeines „Weckmittel“ auf den Markt. Während des Zweiten Weltkriegs wurde es von der deutschen Wehrmacht als militärisches Dopingmittel im grossen Stil eingesetzt. Allein im Rahmen des Frankreichfeldzuges wurden 35 Millionen Tabletten verteilt. In der Zivilbevölkerung gab es mit Pervitin versetzte Pralinen unter dem Slogan „macht die Hausfrau fröhlich“. Bereits 1940 begannen Armeeärzte aber auf die Folgen des übermässigen Pervitinkonsums hinzuweisen: Sucht, Depressionen, Psychosen, Herzversagen. 1941 unterstellten die Behörden Pervitin zwar dem Opiumgesetz, tolerierten es aber als Hilfsmittel im „Totalen Krieg“.  In der Nachkriegszeit wurde Pervitin als rezeptpflichtiges Medikament weiterhin legal vertrieben. Erst ab den 1960er-Jahren begann man die Handhabung zunehmend einzuschränken. Heute sorgt Methamphetamin in der Gestalt von „Crystal Meth“ als Partydroge für Schlagzeilen, zumal es nun in Keller-Labors in unreiner Form hergestellt wird – mit verheerenden gesundheitlichen Folgen. Das generelle Thema des Gehirn-Dopings respektive des „Opens external link in new windowNeuro-Enhancements“ bleibt aber in unserer Gesellschaft weiterhin aktuell. Dazu reicht ein Blick auf die Zahlen zum Ritalinkonsum bei Hochschulstudierenden oder zur Verschreibung von Psychopharmaka, um Burnouts zu verhindern.

...UND TROTZDEM NUR EIN «NICE-TO-HAVE»

Angesichts der Vielschichtigkeit dieser Geschichten mag sich der Leser oder die Leserin die Frage stellen, warum nicht eine davon den Weg in die Ausstellung „Wirk.Stoffe“ gefunden hat. Wir hatten uns in einem langen Entscheidungsprozess zum einen für Geschichten von Produkten entschieden, die bedeutende historische Zäsuren markieren, wie beispielsweise Bakelit als erster vollsynthetische Kunststoff oder Penicillin als erstes modernes Antibiotikum. Zum anderen orientierten wir uns auch am übergeordneten Thema der Innovation und fragten uns daher immer wieder, was uns die jeweilige Geschichte diesbezüglich zu erzählen vermag. Und last but not least versuchten wir die Durchdringung des Alltags mit den Produkten der chemisch-pharmazeutischen Industrie vor Augen zu führen. Weder Heroin noch LSD oder Pervitin zählten zu den grossen Zäsuren in der Geschichte der chemisch-pharmazeutischen Industrie. Ausserdem konnten die in der Entstehung der Stoffe enthaltenen innovationsrelevanten Aspekte auch über andere Produkte abgedeckt werden, weshalb sie bald das Label „nice-to-have“ erhielten. Aus diesem Grund entschieden wir uns schliesslich, sie über andere, begleitende Medien, wie hier im Blog oder über das Rahmenprogramm einzubringen. 

Die Sonderausstellung "Opens internal link in current windowWirk.Stoffe. Chemisch-pharmazeutische Innovationsgeschichten" kann noch bis zum 18. Juni 2017 im Opens internal link in current windowMuseum für Geschichte besucht werden. Anschliessend wird die Ausstellung in der Opens external link in new windowDASA in Dortmund gezeigt. 

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