08. Juni 2016 | von Salome Hohl Kommentieren

Frauen Stimmen geben

Wenn ich im Museum an einem Porträt vorbeigehe oder eine alte Fotografie in einer Zeitschrift sehe, möchte ich gerne wissen: Wer ist diese Person? Was ging ihr wohl gerade durch den Kopf, als sie mit der Kamera oder früher – wenn sie es sich leisten konnte – mit dem Pinsel festgehalten wurde? 


Chemische Fabrik vormals Sandoz, Bau 302-303: Abfüllen von Tabletten. Vor 1939. (Firmenarchiv der Novartis AG)


Bildnisse eines Basler Brautpaares, wohl Basel, 1619 datiert (HMB Inv. 1934.11.)

Wie sah ihr Alltag aus, warum trug sie gerade dieses Kleid oder jene Frisur? Warum hat sie sich überhaupt porträtieren lassen? Manchmal kennen wir die Geschichten dazu. Meist jedoch nicht. Vor allem nicht, wenn die Dargestellte vor Jahrzehnten oder Jahrhunderten gelebt hat. Und doch zeigt jedes Gesicht, das uns da entgegenschaut, eine Persönlichkeit, die einmal existiert hat.


Porträtzeichnung der Barbara Thoma von Ongstmattingen mit Friedrich August Meyer
Basel, 1848 datiert (HMB Inv. 2004.188.)

Warum also nicht diesen Porträtierten eine Stimme geben? Warum sich nicht in eine dieser Personen hineinversetzen und sie – indem wir uns mit ihr beschäftigen - wieder ein bisschen zum Leben erwecken? 

In der Schreibwerkstatt "Frauen Stimme geben“ taten wir genau das: Wir erfanden Geschichten zu historischen Frauenfiguren, die im HMB-Museum für Geschichte zu sehen sind. Die Schreibwerkstatt war eine von zahlreichen Veranstaltungen, die im Jubiläumsjahr 2016 zum Frauenstimmrecht des Kantons Basel-Stadt angeboten wurden. 

So sassen wir am Sonntag 10. April um 13.30 in einer kleinen Gruppe im Seminarraum des Museums vor einem weissen Blatt Papier mit einem Bleistift in der Hand. Unter Anleitung von Opens external link in new windowBeate Kogon, einer Expertin in kreativem Schreiben, entstanden in kurzer Zeit bewegende lebendige Texte. Ich war sehr überrascht, wie bereits in einem Nachmittag erstaunliche, auch sehr persönliche Geschichten auf dem Papier landen können. Auch wenn oder vielleicht gerade weil es fiktionale Geschichten sind, bieten sie doch eine wunderbare Möglichkeit, sich mit den dargestellten Frauen auseinanderzusetzten, sich ihnen anzunähern. Oder was denken Sie?


Medaille auf Susanne Maria Iselin-Schorndorff (1716-1786)
Basel um 1742, Guss 1823 (HMB Inv. 1911.1074.) 

"Der Johann will ein Porträt von mir machen. Er ist ein guter Medailleur und so erfahren. Er hat mir seine Skizzen und Entwürfe gezeigt. Mein Ohr ist hübsch und klein geraten; da schmeichelt er mir ein bisschen. Meine Haare am Hinterkopf sitzen straff – sieht ja sehr ordentlich aus, doch ich bin immer froh, wenn ich abends mein Haar lösen darf, denn manchmal bekomme ich Kopfschmerzen.

Doch, doch, ich gefalle mir. Zufrieden und stattlich sehe ich aus. Der Hedlinger soll das Medaillon ruhig so anfertigen. Die Vorstellung, dass ich so ewig erhalten bleibe, ist ja schon sehr reizvoll. Ob er ein bisschen in mich verliebt ist? Wie er mich immer anschaute. Mein Mann war ja doch manchmal etwas irritiert. Nun, ich weiss es nicht – aber träumen darf ich ja." 
Mein Text

Weitere erfundene Geschichten sind mit dem dazu passenden Porträt auf Postkarten gedruckt. Diese können Sie ab dem 11. Juni im Opens internal link in current windowMuseum für Geschichte kostenlos mitnehmen. Ausserdem ist dort bis Ende September 2016 eine kleine Auswahl an Frauenporträts vom 16. bis 20. Jahrhundert zu sehen. 

Vielleicht haben Sie Lust, selber eine Geschichte zu schreiben und historischen Figuren eine Stimme zu geben?

Weitere Anregungen gibt‘s in der Publikation der National Portrait Gallery in London, die fiktionale Geschichten von acht international bekannten Autorinnen und Autoren zusammenfasst: Opens external link in new windowImagined Lives: Portraits of Unknown People, London 2011.

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