04. Mai 2016 | von Michael Matzke Kommentieren

Die Paduaner besuchen die "Paduaner" in Basel

Was sind eigentlich „Paduaner“?

„Paduaner“ ist zunächst eine Herkunftsbezeichnung: Es sind die Bewohner der venezianischen Grossstadt Padua. Es sind aber auch eine Art Haubenhühner und in der Kunstgeschichte werden besonders gut nachgeahmte Bronzestatuetten und Pseudo-Münzen nach antikem Vorbild so genannt. Im 16. Jahrhundert waren es vor allem die Künstler und Werkstätten dieser alten Universitätsstadt – Padua –, die die antike Formensprache sowie die Techniken der Metallbearbeitung so gut beherrschten, dass ihre Nachahmungen ebenso geschätzt wurden wie die antiken Kunstwerke – daher die Bezeichnung „Paduaner“.


Zwei ganz unterschiedliche „Paduaner“: Kopf eines Paduaner-Hahns und Venus einer paduanischen Werkstätte, die im Sammlungsschrank des Basilius Amerbach (1533–1591) einen Ehrenplatz hatte. (HMB Inv. 1909.243.)

Pseudo-Münzen

Besonders häufig sind die „Paduaner“-Medaillen, Kopien von Münzen der römischen Kaiserzeit, insbesondere Sesterze aus Messing. Diese sogenannten „Paduaner“ sind noch heute in allen alten Sammlungen in grosser Zahl vorhanden. Denn sie waren bis ins 20. Jahrhundert so beliebt, dass sie immer wieder abgegossen, kopiert und in neuen Kombinationen mit echten antiken Münzen reproduziert wurden. Heute besteht für uns die Herausforderung darin, die originalen Sesterz-Nachahmungen zu ermitteln, die von dem renommierten Künstler Giovanni da Cavino aus Padua (1500–1570) stammen.

Die originalen „Fälschungen“

Der Ruhm der Paduaner-Sesterze des Giovanni da Cavino kommt daher, dass es ihm erstmals gelang, die antiken Vorbilder nicht nur stilistisch korrekt zu imitieren, sondern auch technisch „den Alten“ nicht nachstand. Denn er hatte eine Prägetechnik entwickelt, mit der er erstmals wieder Münzen wie im römischen Kaiserreich herstellen konnte. Er korrigierte sogar vermeintliche Fehler römischer Originale oder erfand Sesterze für Herrscher, die niemals derartige Sesterze prägen liessen, so etwa der Opens external link in new windowFeldherr C. Iulius Caesar (100–44 v.Chr.) oder der nur wenige Wochen regierende Opens external link in new windowKaiser Otho (69 n.Chr.).


Die „Original-Antikenkopien“ von Giovanni da Cavino ausfindig zu machen, wird uns dadurch erschwert, dass seine Nachkommen die Prägestempel im 17. Jahrhundert nach Paris verkauften. Dort wurden sie in der Münzstätte bis ins 19. Jahrhundert weiterverwendet.



„Paduaner“ in Basel

Referenzen für originale „Paduaner“ gibt es in der Sammlung des HMB. Sie gehen auf die Sammlung von Ludovic Demoulin de Rochefort (1515–1582) zurück, der Giovanni da Cavino selbst kannte. Wir wissen, dass er praktisch alle verfügbaren „Paduaner“-Medaillen erwarb und sich sogar von Cavino und anderen Künstlern Medaillen mit seinem eigenen Porträt anfertigen liess. Er verkaufte seine Sammlung in den 1570er Jahre an Opens external link in new windowBasilius Amerbach, dessen Kunst- und Raritätenkabinett zur Keimzelle der Basler öffentlichen Sammlungen werden sollte. 


Seit 2013 widmen wir uns diesem einzigartigen Bestand von Renaissance-Werken. Im Museum haben wir ihn neu bearbeitet und inventarisiert, um ihn für die Öffentlichkeit zu erschliessen, was schliesslich sogar die Bewohner von Padua anlockte: Paduaner besuchen die Paduaner in Basel. Denn trotz der langen Tradition historischer Sammlungen verfügt das Museo Bottacin in Padua nicht über Paduaner-Medaillen mit einer vergleichbar alten Herkunft. 


Das Team um Dottoressa Vettorato vom Museo Bottacin besucht zusammen mit Prof. Saccocci (Universität Udine) die Sonderausstellung „Gefälschte Antike?“ im HMB Museum für Geschichte.


Padua, ein Zentrum antiker Kultur

Die reichen Bestände des Opens external link in new windowMuseo Bottacin sind aber auf jeden Fall eine Reise wert, zumal sie in einer sehr attraktiven Dauerausstellung im Palazzo Zuckermann präsentiert werden.

Generell lohnt ein Besuch der alten Universitätsstadt. Paduas besondere Beziehung zur Antike ist noch heute spürbar. Auf Schritt und Tritt begegnet man Zeugnissen für das Streben nach antiker Schönheit: allen voran die einzigartigen Fresken von Giotto in der Opens external link in new windowCapella degli Scrovegni, dann Fresken von Mantegna in der nahen Opens external link in new windowChiesa degli Eremitani und nicht zuletzt die erste monumentale Reiterstatue der Renaissance, unmittelbar vor der berühmten Opens external link in new windowPilgerbasilika des hl. Antonius, „Il Santo“. Weniger bekannt ist ein monumentales Grabmonument, das die Stadt bereits im späten 13. Jahrhundert auf ihren sagenhaften Stadtgründer, den Opens external link in new windowtrojanischen Helden Antenor, errichtete, also lange vor der eigentlichen Renaissance.


Monumentalgrab auf den sagenhaften Stadtgründer Paduas, den trojanischen Helden Antenor (13. Jh.), und Reiterstandbild von Donatello auf den Condottiere Gattamelata (1445)

Noch bis zum 8. Mai schlagen die metallenen „Paduaner“ in der Ausstellung „Gefälschte Antike? Die Paduaner und die Faszination der Antike“ im Museum für Geschichte eine Brücke zu diesem Zentrum der antiken Kultur in Italien.

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