11. April 2017 | von Carmen Simon Kommentieren

Ausstellungsrevue

Die Ausstellungskuratorin Carmen Simon blickt auf „WATCH THIS! Genfer Uhren in Basel“ zurück

Ursprünglich für den Kremel in Moskau geplant, war die Sonderausstellung „WATCH THIS! Genfer Uhren in Basel“ (11.03.– 28.8.2016) schliesslich im Museum für Geschichte zu sehen. Eine Ausstellung über kleine, edle und bunte Objekte, die glänzen und aus wertvollsten Rohmaterialien bestehen. Über Objekte, deren Inneres von ausgefeilter technischer Leistung und deren Äusseres von feinstem Kunsthandwerk zeugen. Eine Ausstellung über eines der Markenzeichen der Schweiz, eine Sonderausstellung über Uhren, im Spezifischen über Genfer Uhren. In diesem Blogbeitrag reflektiere ich gut ein Jahr nach der Eröffnung den Prozess wie auch die Ausstellung und ziehe Bilanz. 

"Sweepers Clock" zeigt die aktuelle Uhrzeit. Diese ist dank der Strassenkehrer ablesbar, die in der Videoinstallation in Echtzeit 12 Stunden lang Abfälle zu Uhrzeiger und Zeitangabe fegen. Die Arbeit ist Teil von Maarten Baas’ „Real Time“-Serie, die aus einem Set aus vier Arbeiten besteht. Darin stellt der Künstler durch menschliche Handlungen das Vergehen der Zeit als physischen und arbeitsintensiven Prozess dar.

Weshalb Genfer Uhren in Basel?

Das Historische Museum Basel besitzt eine der bedeutendsten Uhrensammlungen in der Schweiz. Die dem Historischen Museum Basel anvertrauten Uhrensammlungen von Maria Margaretha Bachofen-Vischer, Emanuel G. Sarasin-Grossmann, Eugen Gschwind, Carl und Lini Nathan-Rupp und weiteren Basler Sammlern sind in mehreren Räumen des Museums für Wohnkultur ausgestellt. Leider waren diese Sammlungen und deren Ausstellung kaum bekannt – sowohl in Basel und Umgebung wie auch insgesamt in der Schweiz oder international. Die geplante Sonderausstellung wollte einen Teil – die Genfer Uhren – der aussergewöhnlichen Uhrensammlungen des HMB an einem neuen Ort und in einem anderen Kontext zeigen und sie damit wieder in das Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken. Die Genfer Uhren eigneten sich hierfür wunderbar, weil die kleinen Kunstwerke einerseits die Blicke auf sich ziehen, andererseits weil sie die ersten Kleinuhren waren, die auf heutigem Schweizer Gebiet produziert wurden. 

Zwar war seit Aufkommen der mechanischen Zeitmessung und der Einführung der Turmuhren im 14. Jahrhundert die Uhrmacherei auf heutigem Schweizer Boden weitverbreitet, die ersten Schritte zur Entwicklung von tragbaren Uhren und zur anschliessenden Etablierung der Uhrenbranche aber wurden von historischen Ereignissen im Frankreich des 16. Jahrhunderts begünstigt. Die Handwerkereliten, darunter viele Goldschmiede und Uhrmacher, die in Frankreich wegen ihrer protestantischen Gesinnung verfolgt wurden, flohen in das damals unabhängige Genf. Mit der Ausstellung gingen wir also im weitesten Sinne zurück zur Wiege der Schweizer (Klein-)Uhr.

Als Ausstellungskuratorin war es mir ein Anliegen zwar einerseits auf die Objekte zu fokussieren, nicht aber nur sie sowie das entsprechende Handwerk zu zeigen und deren Geschichte zu erklären, sondern andererseits auch die vielen Themen anzusprechen, die sich auch heute noch rund um die „Uhr in der Schweiz“ drehen. „Uhren“ oder „Zeit“ spielen in der heutigen westlichen Gesellschaft eine bedeutende Rolle, gerade in der Schweiz.  

Wie entstand die Ausstellung?

Um das Themenspektrum möglichst aus verschiedenen Perspektiven einfangen zu können, aber auch um die verschiedenen Kompetenzen bereits von Anfang an zusammenzubringen, wurde die Ausstellung in enger Zusammenarbeit aller ausstellungsrelevanten Profile konzipiert. Die gestalterische und die inhaltliche Diskussion erfolgten nicht getrennt, sondern als kombinierter Prozess. Sie beeinflussten und befruchteten sich gegenseitig. Die gelungene Verknüpfung von Gestaltung und Inhalt war eine Konsequenz davon. Es entstanden Elemente, die es ohne diesen ständigen Austausch nicht gegeben hätte. So beispielsweise die interaktiven Stationen, die später vorgestellt werden. 

Die Projektauswertung zeigte, dass sich dieses Vorgehen auch für die Teamarbeit bewährte. Die Projektmitglieder sprachen sich für den integrativen Ausstellungsprozess aus, da er obwohl er sehr zeitaufwändig ist, den Informationsfluss erleichtert und eine ganzheitliche, in sich schlüssige Ausstellung ermöglichte. 

Für wen konzipierten wir …

Mit der Ausstellung wollten wir bestimmte Zielgruppen erreichen. Einerseits ein traditionelles Museumspublikum und Uhrenliebhaber, die eine klassische Objektpräsentation und vertiefte, konzise Information schätzen. Aber auch Lehrpersonen und ihre Schülerinnen und Schüler ab 15 Jahren, insbesondere Gewerbeschülerinnen und -schüler aus technischen Berufen. Ausserdem war uns das Aufmerksammachen auf die bedeutende HMB-Sammlung bei den Uhrenkonzernen und -händler, die im Rahmen der Opens external link in new windowBaselworld in Basel waren, wichtig. Wir setzten uns ebenfalls zum Ziel mit der Ausstellung Touristen, insbesondere aus Asien und eines jungen Publikums im Alter von 20 bis 30 Jahren anzuziehen und haben uns dementsprechend spezielle Massnahmen für diese Zielpublika überlegt. 

… und wen erreichten wir schlussendlich?

Die Auswertung der Besucherbücher ergab, dass die Ausstellung schliesslich ein heterogenes Publikum (Familien, Touristen, ältere Einzelpersonen und Führungsteilnehmende) im Alter von 12 – 78 erreichte und überdurchschnittlich viele Männer anzog. Schulklassenbesuche verzeichneten wir nur wenige. Die chinesisch-Führungen waren gering besucht, dafür wurden oft asiatische Individualbesucherinnen und  -besucher gesichtet. An der Baselworld waren wir durch Werbung und redaktionelle Beiträge vertreten, was Individualbesucher von der Messe in die Ausstellung brachte, wie die Beobachtungen von Aufsichts- und Kassenpersonal zeigten. Grössere Besuchergruppen blieben jedoch aus. Das junge und jugendliche Publikum wurde mit den für sie zugeschriebenen Programmpunkten: dem #Tweevening mit Filmabend und dem Familiensonntag erreicht. 

 

Die inhaltliche Auswertung

Die mündlichen und schriftlichen Rückmeldungen des Publikums sowie die Beobachtungen von Aufsichts- & Kassenpersonal ergaben, dass die Ausstellungspräsentation zu einer überdurchschnittlich langen Verweildauer animierte und einige Besucherinnen und Besucher mehrmals in die Ausstellung zurückkehrten. Die meisten (auch langjährigen (älteren)) Besucherinnen und Besucher freuten sich über die Ausstellung im HMB. Das Thema stiess bei den Besucherinnen und Besuchern auf positive Resonanz. Die Ausstellung wurde als schön, interessant, informativ und originell bezeichnet. Die konsequente Mehrsprachigkeit (Deutsch, Englisch, Französisch) wurde von Aufsichts- und Kassenpersonal positiv hervorgehoben. 

Wohl weil die Resonanz so positiv ausfällt sowohl beim Ausstellungspublikum wie auch in der Presse, scheint die Besucherzahl auf den ersten Blick gering: 8‘000 Eintritte in 5.5 Monaten. In Anbetracht des spezifischen Themas, das sich auch nicht im Lehrplan wiederfindet, ist die Zahl angemessen. Der Ertrag aus den Eintritten reicht jedoch nicht aus um die Ausstellung selbst zu finanzieren. Die Drittmittelakquise war deshalb besonders wichtig.

Die Besucherzahlen sind nicht der einzige Faktor, um den Erfolg einer Ausstellung zu ergründen. So sind beispielsweise die Rückmeldungen der effektiven Besucher für das Bestimmen der Qualität einer Ausstellung von grosser Bedeutung. Ich werde nun hier auf einzelne Elemente aus der Ausstellung eingehen , zu denen sich unser Publikum oder die Museumsmitarbeiter in der Auswertung geäussert haben.  

Das Objekt im Fokus

Die Objekte faszinierten Besucherinnen und Besucher wie Presse gelichermassen. 

Weitere Artikel online: Opens external link in new windowSRF, Opens external link in new windowTagesWocheOpens external link in new windowbarfi.ch, Opens external link in new windowZeitlupe, Opens external link in new windowBadische Zeitung, Opens external link in new windowBâle en français

Was wurde hervorgehoben

  • + Der Ausstellungsfokus auf die Objekte selbst
  • + Die Präsentation der Objekte
  • + Das Betrachten der Leitobjekte aus verschiedenen Perspektiven, dank der eingebauten Screens 
  • + Die Möglichkeit sich auf diesen Screens betätigen zu können
  • - Die gewählten Geräte waren anfällig auf Manipulation und mussten deshalb rege überprüft werden.

Interagieren gefragt

Die Auswertung der Besucherbücher ergab, dass die Möglichkeit sich in der Ausstellung betätigen zu können, bei der breiten Besuchergruppe allgemein gut ankam.

Was wurde hervorgehoben und genutzt

  • + Eine extern konzipierte Installation, bei der virtuell ein Uhrwerk zusammengebaut werden kann
  • + Eine interaktive Station, die dem Entstehen der aussergewöhnlichen Basler Uhrensammlung nachging und die für die Genfer Uhrensammlung des HMB bedeutenden Sammler vorstellte

  • + Eine partizipative Zettelstation: Zeit ist Geld, wir sehnen uns nach mehr Freizeit und wir freuen uns auf die nächste Jahreszeit. Es gibt aber auch Zeitpunkte, vor denen es uns graut. Was ist also Zeit für uns? Wie empfinden wir Zeit oder was assoziieren wir mit ihr? Wir fragten unsere Besucherinnen und Besucher und sammelten ihre Rückmeldungen:

Vertiefte Informationsebenen

In der Ausstellung gab es verschiedene Informationsebenen. Die Leitobjekte wurden direkt in der Ausstellung erklärt. Eine Ausstellungsbroschüre enthielt die Informationen zu den restlichen Objekten und eine Zeitleiste erläuterte den Kontext des Themas.  

Was wurde hervorgehoben

  • + Die Zeitleiste, die die Entwicklung der Geschichte von Genf sowie der Genfer Uhr und Uhrmacherei, dem Weltgeschehen und der Uhrengeschichte allgemein aufzeigte und in Beziehung zueinander setzte. Sie gab dem Publikum die Möglichkeit, das Thema zu kontextualisieren und zu vertiefen.

Bild der Timeline in der Ausstellung

  • - Die Ausstellungsbroschüre, die für die Besucher abgegeben wurde, diente als Ort für die Objektlegenden. Viele Besucher hätten sich aber eine bebilderte Publikation gewünscht. 

Von der Sonderausstellung zur Dauerausstellung

Das Kombi-Ticket, das beim Besuch der Sonderausstellung einen freien Besuch der Dauerausstellung gewährte, wurde durch eine Plakatkampagne, die den Weg zwischen den Ausstellungshäusern mit den neu inszenierten Leitobjekten der Ausstellung verband, begleitet. Die gleichen Motive fanden sich auf der Rückseite der Eintrittstickets und wurden zu Werbezwecken der Ausstellung verwendet. 

Fotografie: Natascha Jansen/Grafik: Manuela Frey/Kleidung: Opens external link in new windowPAMB, Bern/Location: Opens internal link in current windowMuseum für Wohnkultur 


Was wurde hervorgehoben

  • + Die ansprechenden Motive
  • + Das Angebot für den kombinierten Eintritt 
  • + Der Inhalt der Ausstellung ist auch ausserhalb der Museumsmauern erlebbar
  • + Der Nutzen als wichtiger Bestandteil für die crossmediale Kommunikation der Ausstellung
  • - Nur gut 1% der Sonderausstellungsbesucher machten vom Angebot des Kombi-Tickets Gebrauch 
  • - Der grosse interne Aufwand, da das Teilprojekt in reiner Eigenleistung entstand

Für Nachhaltigkeit gesorgt

Verschiedene Informationen und Elemente wurden nach der Sonderausstellung in die Dauerausstellung der Uhren im Museum für Wohnkultur, wo die Sammlung sonst zu sehen ist, übernommen und sorgen damit für die Nachhaltigkeit der investierten Arbeit. 

Ausserdem

  • Erstes inventarisiertes immaterielles Erbe: Die Kunstinstallation „Sweepers Clock“ haben wir im Rahmen der Sonderausstellung erworben und in die Sammlung des Historischen Museums Basels aufgenommen. „Sweepers Clock“ zählt zum ersten inventarisierten digitalen Erbe der Museumssammlung.

  • Institutionalisierte Ausstellungspraxis: Der integrativ geführte Ausstellungsprozess wurde von der Museumsleitung in den Leitfaden für Ausstellung des HMB integriert und damit im HMB institutionalisiert.

  • Nachhaltige Szenographie: Für das Kreativevent Opens external link in new windowMuseomix und später an der Museumsnacht für das DrinkLab der Opens external link in new windowInternationalen Gastronautischen Gesellschaft wurden die Ausstellungsbauten weiterverwendet.

Ausstellungsmöbel werden normalerweise nach der Ausstellung vernichtet, selten verkauft. Die Ausstellungsinhalte verschwinden oft in den digitalen Archiven des entsprechenden Museums, Prozesse ziehen mit den Projektleitern in andere Institutionen weiter. Mir war es ein grosses Anliegen, dass das bei dieser Ausstellung nicht passiert. Dass die Möbel schliesslich so oft wiederverwendet werden konnten, war ein Glücksfall. Die nachhaltige Weiterverwendung der Inhalte wurde jedoch bereits bei der Konzeption angestrebt, mitgedacht und schliesslich realisiert. Die aufgewertete Dauerausstellung der Uhren im Opens internal link in current windowMuseum für Wohnkultur kann seit Anfang März 2017 besichtigt werden.

Eckdaten der Ausstellung
Projektleitung: Carmen Simon
Projektteam: Laurence Bodenmann, Thomas Ebersbach, Monika Leonhardt, Martin Sauter, Carmen Simon, Johanna Stammler, Daniele Turini
Szenographie/Ausstellungsgrafik: Thomas Ebersbach, Leipzig
Werbegrafik: Opens external link in new windowC2F, Luzern
Sponsoren: Opens external link in new windowOris SA, Dr. Eugen Gschwind-Stiftung
Besucher: 7'548

Hier geht's zum Opens internal link in current windowAusstellungsarchiv

Ähnliche Artikel

14. Dezember 2017

Eintauchen

Winzige Partikel schweben im Wasser, sinken auf die Flusssohle oder werden an die Ufer gespült – ein gefundenes Fressen für viele Kleinstlebewesen, für Fische und Vögel. Doch die Partikel sind nicht nahrhaft, sondern bestehen aus dem allgegenwärtigen Plastik.

Patricia Holm ist Leiterin der Forschungsgruppe Mensch-Gesellschaft-Umwelt und des Masterstudiengangs für nachhaltige Entwicklung (MSD) an der Universität Basel. Im Rahmen der Sonderausstellung "Aufgetaucht. Basels geheimnisvolle Wasserfunde" tauchen wir mit ihr in das Thema der Mikroplastik im Rhein ein.

Eintauchen weiterlesen
30. November 2017

Auf Takt mit Dominik Heitz

"Treffendes über das Taktgefühl sagen und schreiben lässt sich Vieles, aber nicht immer vermag man es spielend umzusetzen."

In unserer Blogserie „Auf Takt mit …“ lassen wir im Rahmen der Sonderausstellung „Auf Takt!“ verschiedene Persönlichkeiten zu Themen rund um das Metronom zu Wort kommen. Im letzten Beitrag macht sich der Journalist und Stilkolumnist Dominik Heitz Gedanken über das "Taktgefühl".

Auf Takt mit Dominik Heitz weiterlesen
Das HMB auf YouTube
AUFGETAUCHT
#rheingeworfen vol.2
KÄMPFE MIT KONRAD GEGEN DIE PEST
Das HMB auf Instagram
Das HMB auf Twitter