30. November 2017 | von Dominik Heitz, Journalist Kommentieren

Auf Takt mit Dominik Heitz

Das Erspüren einer gemeinsamen Wellenlänge

Wenn ein Musiker aus dem Takt fällt, kann er das harmonische Zusammenspiel stören, Unstimmigkeit im Ensemble verbreiten, ja unter Umständen ein ganzes Orchester durcheinander bringen.

Im zwischenmenschlichen Umgang verhält es sich nicht anders: Auch hier ist das Taktgefühl entscheidend. Es zeigt die Fähigkeit, in jeder neuen Situation eine gemeinsame Wellenlänge zu erspüren und diese als nicht zu überschreitende Grenze zu respektieren. Wer in Gesellschaft lauthals angibt, kann nicht damit rechnen, dass ihm Sympathie entgegen gebracht wird. Und Leute auf despektierliche Weise bloss zu stellen, führt höchstens dazu, dass man sich mit dem Blossgestellten solidarisiert und den Verurteilenden ausgrenzt.

Opens external link in new windowAdolph Freiherr von Knigge (1752–1792) schrieb: «Enthülle nie auf unedle Art die Schwächen Deiner Nebenmenschen, um Dich zu erheben! Ziehe nicht ihre Fehler und Verirrungen an das Tageslicht, um auf ihre Unkosten zu schimmern!» Laut Knigge geht es im taktvollen Umgang mit Menschen auch darum, eine gewisse Geschmeidigkeit zu entwickeln, nachgiebig zu sein, duldsam; auch die Verleugnung sollte zur rechten Zeit in Betracht gezogen werden. Doch bei der Kunst des Taktgefühls «hüte man sich, dieselbe zu verwechseln mit der schändlichen, niedrigen Gefälligkeit des verworfenen Sklaven, der sich von jedem missbrauchen lässt, sich jedem preisgibt; um eine Mahlzeit zu gewinnen, dem Schurken huldigt, und um eine Bedienung zu erhalten, zum Unrechte schweigt, zum Betruge die Hände bietet und die Dummheit vergöttert!» 

Sich zu Tugenden und Untugenden Gedanken zu machen, ist schon immer etwas gewesen, was Schriftsteller, Soziologen und Philosophen als ihre Aufgabe angesehen haben. Zum Taktgefühl meinte der amerikanische Publizist Opens external link in new windowFranklin Jones: «Takt ist die Fähigkeit, die Leute so zu behandeln, als wüssten sie, worüber sie sprechen.» Der englische Dandy und Schriftsteller Opens external link in new windowOscar Wilde befand: «Taktlosigkeit ist der Entschluss, etwas zu sagen, was alle denken.» Und der österreichische Schriftsteller Opens external link in new windowPeter Altenberg meinte: «Takt ist das, was eine Frau über das Kleid einer anderen sagt, Aufrichtigkeit, was sie darüber denkt.» Und: «Takt ist immer, instinktiv zu spüren, was die anderen noch von dir vertragen!»

Treffendes über das Taktgefühl sagen und schreiben lässt sich Vieles, aber nicht immer vermag man es spielend umzusetzen. Schon mehr als einmal hat mich mein Taktgefühl im Stich gelassen. Dann wird mir jeweils bewusst, dass die Wirkungskraft der Worte nicht zu unterschätzen ist und deshalb das zu Sagende wohl überlegt sein will.

Dominik Heitz hat an der Universität Basel Germanistik, Geschichte und Englisch studiert. Seit 1987 arbeitet er als Redaktor bei der Opens external link in new windowBasler Zeitung (BaZ) und widmet sich dort vor allem lokalhistorischen sowie kulturellen Themen. Vor wenigen Monaten hat er das Buch „Opens external link in new windowStadtjäger – ein Spaziergang zu Basels versteckten Besonderheiten“ herausgebracht. Zudem ist er in der BaZ für die Stil-Kolumne „Club der Gentlemen“ verantwortlich.

Die Sonderausstellung "Opens internal link in current windowAuf Takt! Metronome und musikalische Zeit" kann noch bis zum 4. Februar 2018 im Opens internal link in current windowMuseum für Musik besucht werden. Weitere Blogbeiträge der Blogserie "Auf Takt mit ...": Opens external link in new windowAuf Takt mit Marcel Schwald, Opens external link in new windowAuf Takt mit Elisabeth Ackermann, Opens external link in new windowAuf Takt mit Jenny Berg, Opens external link in new windowAuf Takt mit Sigfried Schibli, Opens external link in new windowAuf Takt mit Domenico Melchiorre, Opens external link in new windowAuftakt mit Jennifer Jans und Opens external link in new windowAuftakt mit Fabian Petignat.

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