11. Mai 2017 | von Niko Pankop, DASA in Dortmund Kommentieren

„An mym liebe Rhy“ und am „End‘ der Welt“

Eine Ausstellung – zwei Chemiestädte

Für die Konzeption der Ausstellung „Wirk.Stoffe. Chemisch-pharmazeutische Innovationsgeschichten“ haben wir zwei Themen, beziehungsweise zwei Ausstellungshäuser aus zwei unterschiedlichen Städten aus zwei verschiedenen Ländern zusammengebracht. Dass in Basel eine Ausstellung zur pharmazeutisch-chemischen Industrie gezeigt wird, erstaunt nicht. Dortmund hingegen, wo die Ausstellung „Wirk.Stoffe“ ab November zu sehen sein wird, ist nicht gerade als Chemiestadt bekannt. Das Ruhrgebiet hat zwar seine Chemiefirmen,  Evonik, einer der grössten deutschen Chemiekonzerne hat sogar seinen Hauptsitz in Essen  dennoch waren Kohle und Stahl weit prägender für die hiesigen Städte. In diesem Beitrag will ich aufzeigen, weshalb es auch für uns in Dortmund wichtig ist, der Chemie eine Ausstellung zu widmen und inwiefern sich die Chemieregion Basel von der Chemieregion Rhein-Ruhr unterscheidet.


Ohne Kohle keine Innovation

Einen Zusammenhang zur Chemie gibt es selbstverständlich auch in Dortmund. Nicht zufällig ist Evonik aus der Ruhrkohle AG hervorgegangen. Ohne die Kohle aus dem Ruhrgebiet hätte es zahlreiche chemische Innovationen nicht gegeben. 

Bis zum Ende des II. Weltkrieges waren daher das heutige Ruhrgebiet, das Rheinland und das Bergische Land über enge Wirtschaftsbeziehungen zwischen Kohle-, Eisen-, Stahl-, Textil- und Chemieindustrie zu einem Wirtschaftsraum verflochten. Die Städte in dieser Region teilen vielfach eine sehr ähnliche Stadtentwicklung.


Rheinland-Westfalen 1899. Der Wirtschaftsraum an Rhein und Ruhr: Leverkusen ist hier zwischen Opladen und Worringen noch nicht verzeichnet. (Die Industrie am Niederrhein (Ruhrgebiet). In: Rothert, Eduard, Rheinland-Westfalen im Wechsel der Zeiten, Nr. 17)

Eine Chemiestadt auf dem Reissbrett

Während Basel zu Beginn der Industrialisierung eine intakte Stadt war, die schon Mitte des 19. Jh. eine erste urbane Infrastruktur aufweisen konnte, entstanden viele Städte an Rhein und Ruhr erst durch die Industrialisierung selbst auf der grünen Wiese. Sie wurden als Trabantenstädte der Chemiefabriken, Hochöfen und Kohle-Zechen oftmals am Reissbrett geplant. Von urbanem Leben waren sie lange Zeit weit entfernt. 

Der Rhein als Verbindung

Ein gutes Beispiel dafür bietet die Geschichte der Opens external link in new windowFirma Bayer und der Stadt Leverkusen. Das Entstehen der Firma Bayer ist wie das von Opens external link in new windowCiba oder Opens external link in new windowGeigy zunächst eng mit der Textilindustrie verknüpft. Gegründet wurde die Farbenfabrik Friedrich Bayer & Co. 1863 in Elberfeld im Bergischen Land. Wie die Basler Firmen produzierte Bayer anfänglich primär synthetische Farbstoffe. In der Gegend gab es Mitte des 19. Jahrhunderts wie auch in Basel eine florierende Textilindustrie – Seide in Krefeld, Leinen in Elberfeld oder auch Bandwirkerei – welche grosses Interesse an den neuen Farben hatte. Die Region war in dieser Zeit eine der fortschrittlichsten deutschen Industrieregionen.


Alizarin-Fabrik in Elberfeld 1871 (Bayer)

Der Umsatz und die Fabrik Bayers wuchsen schnell. Und so wurde das kleine Elberfeld im schmalen Tal der Wupper bald zu eng für die Firma. Schon 1867 zog die Farbenfabrik abwärts direkt an den Fluss. Grund dafür waren auch Proteste der Anwohner, denn durch die Farbenproduktion waren Boden und Grundwasser mit Opens external link in new windowArsen verseucht worden. Knapp 30 Jahre später wurde dann erneut eine neue Produktion aufgebaut, weil die Firma weiter wuchs. Diesmal zog es die Firma an den Rhein.

Neben dem Platzbedarf gab es jedoch weitere schwerwiegende Gründe an den Rhein zu ziehen: der hohe Wasserbedarf, die Entsorgung von Abfällen und die Transportmöglichkeiten. So war zum Beispiel der Bedarf an Kohle so gross, dass die Chemieunternehmen Bayer, Opens external link in new windowAgfa und Opens external link in new windowBASF 1907 gemeinsam die Opens external link in new windowZeche Auguste Victoria in Marl kauften. Die Kohle dafür kam aus dem Ruhrgebiet den Rhein hinauf. Der Fluss war und ist die Lebensader der Chemieindustrie und auch das verbindende Band zwischen den verschiedenen Chemiestandorten von Bayer, BASF, Opens external link in new windowHenkel und über die Grenze hinweg den Basler Chemiefirmen.
 

Eine Stadt auf der grünen Wiese

Aus Wiesdorf, einem 2000-Seelen-Dörfchen nördlich von Köln, wurde durch die Niederlassung von Bayer die Stadt Leverkusen. Dort hatte die Firma 1891 ein Fabrikgrundstück gekauft, das der vorherige Besitzer Leverkus nach sich selbst benannt hatte. Unter der weitblickenden Regie Opens external link in new windowCarl Duisbergs, dem späteren Generaldirektor der Firma, wurde hier systematisch nun eine riesige und moderne Chemieproduktion aufgebaut. 

Arbeiter an dieses „End‘ der Welt“ zu bekommen war jedoch ein schwierigeres Unterfangen. Wer wollte schon in einer Stadt leben, in der es keine Wohnungen, keine Einkaufsmöglichkeiten geschweige denn Unterhaltung gab.

Die, die es sich leisten konnten, die Techniker und Beamten, blieben daher auch nur in der Woche vor Ort und kehrten am Wochenende aufatmend zu ihren Familien zurück.

"Kann er einen nicht verkusen,
schickt er ihn nach Leverkusen,
Dort am End' der Welt,
ist man ewig kalt gestellt."
1896, gerichtet ab Carl Duisberg (Bayer AG: Meilensteine - 125 Jahre Bayer 1863–1988, S. 115)

Eine ganze Stadt musste nun von der Firma selbst aufgebaut werden; eine Stadt, die die Arbeiter auch dauerhaft hält. Nach dem Vorbild des Opens external link in new windowkruppschen Werkswohnungsbaus in Essen baute die Firma Bayer Werks- und Arbeiterkolonien. Dabei legte Duisberg grossen Wert darauf, dass die Häuser ästhetisch ansprechend waren. So entstand um das Werk herum eine Gartenstadt, deren Wände mit Efeu und Klematis bepflanzt und deren Strassen mit Alleebäumen ausgestattet waren. Es wurde ein Preis für den am schönsten gestalteten Garten ausgeschrieben.

Neben vielen sozialen Einrichtungen, die die Arbeiter ans Werk binden sollten, entstanden – alles im Besitz und unter der Leitung der Firma Bayer – nach und nach weitere Einrichtungen des urbanen Lebens: zum Beispiel eine Konsumanstalt 1895, eine Werkbücherei 1902, ein Sportverein 1904, der heute noch über den Opens external link in new windowFussballverein Bayer Leverkusen bekannt ist, ein Arbeiter-Erholungshaus für Kulturveranstaltungen 1908 und ein Kaufhaus 1911. 1914 hatte Leverkusen/Wiesdorf bereits 20‘000 Einwohner. Der Ort war also in 20 Jahren um das 10-fache an Einwohnern gewachsen. 

Chemiestadt

Noch heute ist Bayer der bedeutendste Arbeitgeber in Leverkusen. Das Bayer-Werk (heute Chempark Leverkusen) prägt mit der Grösse eines ganzen Stadtviertels noch immer das Stadtbild. Die ehemalige „Retortenstadt“ Leverkusen hat sich aber unterdessen zu einer Stadt mit einem Eigenleben und einem urbanen Charakter entwickelt. Sie zählt heute um die 165’000 Einwohner, von denen längst nicht mehr alle bei Bayer arbeiten.

Die verbliebenen Werkskolonien stehen heute unter Denkmalschutz. 2008 verlieh der TÜV der Kolonie II das Güte-Siegel „Qualität im Quartier“, das ihr einen hohen Wohnwert bescheinigt. Die ehemaligen Bayerkolonien sind mittlerweile im Besitz eines Tochterunternehmens von Evonik.

Die Sonderausstellung "Wirk.Stoffe. Chemisch-pharmazeutische Innovationsgeschichten" kann noch bis zum 18. Juni 2017 im Opens internal link in current windowMuseum für Geschichte besucht werden. Ab dem 10. November 2017 wird die Ausstellung in der Opens external link in new windowDASA in Dortmund gezeigt. 

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