14. September 2016 | von Rebecca Häusel Kommentieren

5 Fragen an Johanna Stammler

Opens external link in new windowHandwagen eines Malers aus der Sammlung des HMB, um 1920 (Inv. 1985.306.) / Opens external link in new windowSteinenring 35 \ Ecke Leimenstrasse, ca. 1938 (Staatsarchiv Basel-Stadt: NEG 20205)

 

Johanna Stammler ist seit 2004 in der Abteilung Bildung und Vermittlung des HMB tätig. Sie hat über Jahre in enger Zusammenarbeit mit Dr. Gudrun Piller, derzeit interimistische Direktorin des Museums, das Vermittlungsangebot im Museum für Pferdestärken konzipiert. Johanna Stammler begleitete – gemeinsam mit dem langjährigen Kurator Eduard J. Belser – Mittwochmatinées, betreute die Veranstaltungen für blinde und sehbehinderte Menschen und war für die Museumsnacht verantwortlich.


1. Veränderte sich das Vermittlungsangebot im Museum für Pferdestärken im Laufe der Zeit? 

Bis 2012 bot das Museum standardmässig öffentliche Führungen sowie jährlich im September einen besonderen Anlass an. An diesen speziellen Sonntagen wurde dem Publikum die Zeit der Pferde und Kutschen näher gebracht und dabei auch ein Bogen in die Gegenwart gespannt. Handwerker, die noch heute in Berufen rund um Ross und Wagen tätig sind, verlegten ihre Werkstatt vor das Kutschenmuseum und stellten ihre Arbeit vor. Die meisten Berufe, die früher am Betreiben eines Pferdewagengespanns beteiligt waren, sind heute grösstenteils verschwunden. 

Besonders beliebt und immer sofort ausgebucht waren die Fahrten mit dem Rösslitram in den Jahren 2007 bis 2010. Diese Touren führten durch die Stadt und Eduard J. Belser erzählte während der holprigen Reise, an welchen Gebäuden noch Spuren aus der Kutschenzeit erkennbar sind, wo früher in Basel „die Post abging“ und wer Kutschen und Droschken vermietete. 

Mit dem Wechsel in der HMB-Direktion änderten der Name des Ausstellungshauses in „Museum für Pferdestärken“ und damit auch das Vermittlungsangebot. 



2. Zu welchen neuen Herausforderungen oder Möglichkeiten führte 2012 die Umbenennung des Museums von „Kutschenmuseum“ in „Museum für Pferdestärken“?

Die Umbenennung irritierte anfänglich, da wir heute „Pferdestärken“ mit Motorrädern und Autos verbinden. Eine Namensänderung erfolgte für alle vier HMB-Ausstellungshäuser, um diese unter dem Dach „Historisches Museum Basel“ neu zu positionieren. Unter dem neuen HMB-Motto „Geschichte bewegt“ sollten die Kutschen im Museum für Pferdestärken aus ihrer Ausstellungsstarre geholt werden. Der Museumsbesuch, der zum Erlebnis wird, war das Ziel. 

Um lebendiger und bewegter zu werden, konzipierten wir szenische Führungen. Der Schauspieler Samuel Bally schlüpfte in die Rolle des Kaufmanns und Handelsreisenden Philipp Burckhardt, der über die Gefahren des Reisens berichtete. Den Wechsel von der Pferdekutsche zum Automobil und die Veränderungen um 1920 brachte die szenische Intervention „Auf Rädern“ mit Satu Blanc auf die zwischen den Kutschen eingerichtete „Bühne“. Eine dritte Inszenierung war dem Eisenbahnunglück von 1891 gewidmet, das sich nur wenige Meter vom Museum entfernt in Münchenstein ereignet hatte. Diese Katastrophe galt als grösstes „kontinentales Eisenbahnunglück“ und erschütterte das In- und Ausland. Diese Living History-Veranstaltungen waren beim Publikum beliebt. Die Audioinstallation „Unsichtbar oder der verhängnisvolle Wahnwitz – Kutschen im Dialog“ von Nadja Schaffer, MA Design, FHNW, verlieh den Kutschen eine Stimme und brachte diese miteinander in Dialog. 


Der Schauspieler Samuel Bally entführte in der Rolle des Philipp Burckhardt das Publikum auf eine Reise in die Zeit um 1800. Rechts: die szenische Intervention mit Satu Blanc, die uns in das Jahr 1920 mitnahm.

Mit den neuen Formaten konnten zugleich auch die blinden- und sehbehinderten Menschen angesprochen werden. In den Jahren 2015 und 2016 bespielten wir das Museum für Pferdestärken auch an der Museumsnacht, in Kooperation mit dem Mühlenmuseum Brüglingen.


3. Wurden die Ziele, die das HMB mit dem Museum für Pferdestärken verfolgte, erfüllt? 

Die Handwerkervorführungen, die Fahrten mit dem Rösslitram u.a. verfolgten das Ziel, das Museum zum lebendigen Ort zu machen. Mit den Angeboten schufen wir vermehrt Bezüge zu modernen Verkehrsmitteln wie Auto und Eisenbahn. Auch der Verein Hü-Basel trug diese Veränderungen mit, beteiligte sich an Anlässen und führte eigene Veranstaltungen durch. Ein weiteres Ziel, die Ausstellung nach zeitgemässen und thematischen Kriterien neu einzurichten, wurde angedacht, aber nicht realisiert. 


4. Wie würde ein perfekter Tag in einem Museum, das Kutschen und Schlitten ausstellt, für die Besucher/innen aussehen? 

Die Programme für den Tag sollten an eine Ausstellung anknüpfen, die im Idealfall bereits interaktive und partizipative Stationen bietet, dreisprachig angelegt ist und vielleicht auch Rätselspiele oder ein Quiz für den individuellen Rundgang zur Verfügung stellt. 

Der Tag sollte vertiefte Einblicke ins Kutschenzeitalter ermöglichen und eine Brücke zum heutigen Verkehrswesen schlagen. Der mühevolle Alltag der Kutscher sowie die Erlebnisse von prominenten Basler/innen werden als Geschichten erzählt oder leben in szenischen Führungen auf. Diaprojektionen vergleichen Strassenbilder aus der Kutschenzeit mit aktuellen Ansichten. Berichte von Gefahren und Abenteuern vergangener Reisen, Anekdoten sowie die Präsentation von Filmen, wie z.B. der „letzte Postillon vom St. Gotthard“ (1941), bieten Abwechslung, Spannung und Unterhaltung. 

Ergänzt würde das Programm mit aktivierenden Angeboten, wie dies am Energietag im März 2016 in Zusammenarbeit mit Hü Basel durchgeführt wurde. Am Fahrlehrgerät kann das Steuern eines Pferdefuhrwerks ausprobiert werden. Stelzenlaufen, Velofahren, Rollschuhfahren und eine Kutschenfahrt ermöglichen das Erleben der Unterschiede der Fortbewegungsmittel. Dank Kutscheressen oder Picknick auf dem Lande bleibt das Publikum durch den Tag bei Kräften.



5. Gibt es Momente oder Begegnungen, die dir/euch besonders intensiv in Erinnerung bleiben werden?

Am 10. September 2006 wurde das 25jährige Jubiläum des Museums gefeiert. Über zwanzig Pferdegespanne mit Fahrzeugen fuhren durch das Gellert auf den Münsterplatz. Der Kutschencorso zum 25jährigen Jubiläum bleibt als absolutes Highlight in Erinnerung – natürlich nicht zuletzt deshalb, weil der Anlass mit einer enormen Vorbereitung verbunden war. Kutschenfahrer aus der ganzen Schweiz waren involviert, die Verpflegung der Pferde, das Aufsammeln des Pferdekots auf der Route – alles musste organisiert sein. Die Kutschen und Pferde kamen frühmorgens blitzsauber und geschmückt in Brüglingen an. Wagen und Pferde mussten teilweise von weither mit Lastern antransportiert werden. Nur durch die Begeisterung von Menschen, die das Kutschenfahren aus Leidenschaft betreiben, wird ein solcher Anlass überhaupt möglich. Der Cortège bot ein eindrückliches und unvergessliches Bild. 

Das Opens internal link in current windowMuseum für Pferdestärken in Brüglingen ist noch bis zum 25. September 2016 geöffnet.

Weitere Blogbeiträge der Blogserie zum Museum für Pferdestärken: "Opens external link in new window5 Fragen an Andres Furger" (1/4), "5 Fragen an Eduard J. Belser" (2/4) & "5 Fragen an Nicolas Lüscher" (4/4).

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