29. August 2016 | von Rebecca Häusel Kommentieren

5 Fragen an Eduard J. Belser

Break de chasse et de promenade, Basel, um 1895 (Inv. 1934.121.) / Häuser am Marktplatz zwischen Freier Strasse und Gerbergasse, -1907 (Staatsarchiv Basel-Stadt: BILD 3, 171)

Das Museum für Pferdestärken (ehem. Kutschenmuseum) des Historischen Museums Basel (HMB) ist seit 1981 in den Merian Gärten, im ehemaligen Kuhstall des Landgutes des Stiftungsgründers Christoph Merian, untergebracht. Eduard J. Belser kuratierte von 1988 bis 2012 die grösste, öffentlich zugängliche Kutschensammlung der Schweiz. Als langjähriger Pferdefreund und Kutschenfahrer führt Belser heute noch regelmässig durch die Ausstellung. Er zeigt die Kostbarkeiten aus der Sammlung und zieht Besucherinnen und Besucher mit seinem Insiderwissen sowie spannenden Anekdoten in den Bann.


1. Seit wann und warum beschäftigen Sie sich mit Kutschen und Schlitten? 

Meine Beschäftigung mit historischen Verkehrsmitteln, Eisenbahnen und Dampfschiffen geht auf Kindheitserlebnisse zurück. Mein Grossvater war Lokomotivführer, mein Vater ritt seit seiner Studentenzeit. In der Schulzeit konnte ich von einem befreundeten Bauern ein altes, zuverlässiges Pferd mit einem Federbockwagen für Ausfahrten ausleihen. Später auch die Chaise (eine kleine, zweiplätzige Kutsche mit Halbverdeck) und den Schlitten. Diese Erlebnisse weckten mein Interesse an Pferden, historischen Fuhrwerken und am Fahren mit Pferden.


2. Welche Objekte zählen zu den Glanzlichtern aus der Sammlung des HMB?

Zu den Glanzlichtern der Sammlung gehört erstens die Opens external link in new windowBiedermeier-Reisekalesche. Reisewagen wurden mit dem Ausbau der Eisenbahnnetze ab Mitte des 19. Jahrhunderts überflüssig, gingen deshalb grösstenteils verloren und sind deshalb sehr selten. Zweitens stellt der Opens external link in new windowBreak de chasse et de promenade grand modéle der Familie Paravincini-Engel mit seinem exklusiven Design nach Pariser Entwürfen ein herausragendes Beispiel der von der Basler Oberschicht gepflegten Pferdekultur dar. Diese konnte sich mit dem Niveau von Weltstädten wie Paris und London messen. Als Objekt von Weltrang in seiner Klasse gehört der barocke Opens external link in new windowKarrussellschlitten mit der Göttin Diana als Schlittenfigur aus dem Besitz von Kurfürst Johann Wilhelm von der Pfalz. Der prunkvolle Karrusselschlitten, entstanden um 1710, ist ein hochrangiges Beispiel höfischer Pferdekultur, zugeschrieben dem flämischen Hofstatuarius Gabriel de Grupello des Kurfürsten. Der Schlitten gelangte durch eine aussergewöhnliche Verkettung von Umständen in den Besitz des HMB. Ein Kunstsammler aus Worms zog im Alter zu seiner verheirateten Nichte nach Burgdorf in die Schweiz. Nach dem Umzug der Familie nach Basel gelangte das aussergewöhnliche Objekt 1889 als Depositum in das Museum und konnte 1922 mit Bundesgeldern angekauft werden.

3. Gibt es eine Geschichte, die Sie mit dem Museum oder den Objekten verbindet und Ihnen speziell in Erinnerung bleibt? 

Im Frühling 2004 teilte mir der damalige Direktor Burkard von Roda mit, er hätte einer Dame versprochen, dass ich mir einen Schlitten ansehen würde, den sie dem Museum schenken wolle. Ich ging zur angegebenen Adresse in einem Basler Villenquartier. Dort wurde mir auf dem Heuboden der ehemaligen Stallungen ein zierlicher, eleganter Opens external link in new windowSchlitten mit einem Basilisken als Schlittenfigur gezeigt. Es war genau der Typ Basler Schlitten, der in der Sammlung des Museums noch fehlte.


Opens external link in new windowZweiplätziger Kutschierschlitten, mit kleinem Groomsitzchen (Inv. Nr. 2004.159.)

4. Wie beschreiben Sie zusammenfassend die Sammlung der Kutschen und Schlitten im HMB? 

Die Sammlung geht auf erste Schenkungen im 19. Jahrhundert zurück, erhielt mit der Eröffnung der Ausstellung in Brüglingen anfangs 1980er Jahre einen deutlichen Zuwachs und wurde mit gezielten Zukäufen ergänzt. Sie ist im europäischen Vergleich zwar klein, aber von aussergewöhnlicher kunsthandwerklicher Qualität. Sie spiegelt die damals aktuelle Pariser Wagenmode wider. 


5. Haben Sie eine Vision, wie sich eine zukünftige Kutschen- und Schlitten-Ausstellung präsentieren könnte und welche Pläne verfolgen Sie nun? 

Die Arbeit im Team des HMB – auch wenn es nur eine 20%-Teilzeitstelle war – hat mir immer grosse Freude bereitet. Besonders die Führungen zu immer wieder neuen Themen mit einem mir über die Jahre lieb gewordenen Stammpublikum werde ich sehr vermissen. Leider war es mir trotz grossem Einsatz nicht möglich, die letzten beiden Bachstein-Industriehallen des alten Basler Schlachthofs als dauernde Bleibe für ein «Museum für Pferdekultur, Kutschen, Schlitten und Fuhrwerke» zu retten. 

Die Räumlichkeiten in Brüglingen passten zum Museumsthema und boten einen wundervollen Rahmen für die Kutschen und Schlitten. Ich hoffe, es gelingt «Hü Basel» einen neuen Standort zu finden und dort zusammen mit dem HMB, unterstützt von privaten Sammlern und grosszügigen Gönnern, etwas Neues aufzubauen. Meine Vision wäre ein belebtes «Basler Museum für Kutschen, Schlitten und Pferdekultur» an einem schönen Ort in der nächsten Umgebung von Basel, an dem die Objekte mit genügend Platz in einem passenden Umfeld in Wechselausstellungen und im gesellschaftlichen Kontext präsentiert werden könnten. Regelmässige Veranstaltungen mit Gespanne von privaten Kutschenbesitzer, Vorführungen von Handwerkern rund um Ross und Wagen würden für ein lebendiges, attraktives Museum, vor allem auch für Familien mit Kindern sorgen. 

Für ein solches Projekt würde ich mich gerne mit Begeisterung engagieren. Mit dem Thema historische Verkehrsmittel – auch mit Eisenbahnen und Dampfschiffen – werde ich mich in Zukunft weiterhin intensiv befassen.

Das Opens internal link in current windowMuseum für Pferdestärken in Brüglingen ist noch bis zum 25. September 2016 geöffnet.

Opens external link in new windowSchlitteln – Sport und Spass auf Kufen“, Interview mit Eduard J. Belser im Radio DRS1 TREFFPUNKT, 26.1.2010 
Weitere Blogbeiträge der Blogserie zum Museum für Pferdestärken: "Opens external link in new window5 Fragen an Andres Furger" (1/4), "Opens external link in new window5 Fragen an Johanna Stammler" (3/4) & "5 Fragen an Nicolas Lüscher" (4/4).

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