09. August 2016 | von Rebecca Häusel Kommentieren

5 Fragen an Andres Furger

Opens external link in new windowCoupé der Familie La Roche, Basel um 1895 (Inv.: 1931.489) / Opens external link in new windowAeschenplatz mit Springbrunnen, Basel 1905 (Staatsarchiv Basel-Stadt: AL 45, 4-75-1) 


Opens external link in new windowAndres Furger (*1948) studierte Archäologie und Ur- und Frühgeschichte. Als Kurator und späterer Vize-Direktor des Historischen Museums Basel eröffnete er im Frühling 1981 das Kutschenmuseum in Brüglingen. In kurzer Zeit richtete er damals als knapp 33-Jähriger die Ausstellung ein. 1987 wechselte Andres Furger ans Landesmuseum in Zürich, wo er bis 2006 als Direktor tätig war. Als Leiter des Opens external link in new windowAlimentariums in Vevey realisierte er ein eMuseum mit Serious Games, MOOCs und 3D-Objekten. Heute blickt Andres Furger auf die aufregende Anfangszeit des Kutschenmuseums zurück.

1. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dem Kutschenmuseum (heute: Museum für Pferdestärken) und der Eröffnung 1981? 

Die Bedingungen, mit der ich meine Arbeit antrat, waren speziell, da das Museum in einer sehr kurzen Zeitspanne eingerichtet werden musste und in unserem Depot nur wenig repräsentative Objekte vorhanden waren. Unter dem damaligen Direktor des Historischen Museums Basel, Dr. Hans Lanz, bekam ich den Auftrag, innerhalb der Historisch-Technologischen Abteilung auch die Kutschen und Schlitten unserer Sammlung zu betreuen. 

Als 1980 in der Brüglinger Ebene die „Opens external link in new windowGrün 80“ –  die 2. Schweizerische Ausstellung für Garten- und Landschaftsbau –  stattfand, sollte für die Gäste ein Ort eingerichtet werden, der auch bei Regen besucht werden konnte. Der leerstehende Kuhstall erwies sich als geeignet, um Kutschen und Schlitten aus dem alten Basel zu präsentieren. Der Zufall wollte es, dass ich zum richtigen Zeitpunkt den richtigen Leuten begegnet bin. So kam ich zu jener Zeit auch dazu, das Fahren einer Kutsche zu erlernen. Der letzte Wagenmaler, Rudolf Meier, vermittelte mir viel Wissen über die Restaurierung historischer Fahrzeuge.

Für das Museum ergaben sich damals viele neue Kontakte. Dadurch erweiterte sich die Sammlung durch bedeutende historische Fahrzeuge oder wir durften sie als Leihgaben ausstellen. 

2. Mit welchem Objekt oder Ereignis verbindet Sie eine besondere Geschichte?

Mit den Fahrzeugen aus dem Wenkenhof in Riehen! Sie sind voller Geschichten. Alexander Clavel besass damals edle, wertvolle Wagen, Pferde und sehr schönes Geschirr. Nachdem die Familie Clavel die Kutschen mit dem Automobil ausgewechselt hatten, richtete sie für die Kutschen im Wenkenhof ein kleines Museum ein. Alexander Clavel war diesbezüglich ein Visionär. Zu allen seinen Gefährten erzählte er Anekdoten und liess damit die Fahrzeuge aufleben. Dass ich ihn persönlich traf, freut mich heute noch. 

3. Was bereitet Ihnen heute rückblickend Freude oder Sorgen? Haben Sie alles richtig gemacht?

Mir war damals nicht bewusst, wie schnell die Zeit vergeht und damit die Zeitzeugen verschwinden – regelrecht verloren gehen. Heute gibt es niemanden mehr, der die Geschichten aus der Vergangenheit hautnah kennt. Ein einmaliges Erlebnis für mich war es, die letzten Zeitzeugen zu treffen, die einst noch mit den heute ausgestellten Kutschen und Schlitten gefahren sind. Ich habe mich viel mit ihnen ausgetauscht, dabei ihre Anekdoten und Erinnerungen gesammelt und festgehalten. Rückblickend hätte ich dies aber viel intensiver tun müssen –  noch mehr aufschreiben und dokumentieren. 

4. Sie arbeiteten nach dem Weggang vom HMB in anderen Museen und haben sich mit unterschiedlichsten Themen befasst – Ihre Leidenschaft für Kutschen und Schlitten besteht aber weiterhin. Wer oder was hat damals dieses Feuer entfacht? 

Spontan kann ich zwei Gründe nennen: Als gelernter Archäologe war es mir schon immer wichtig, mit dem Kopf und den Händen zu arbeiten. Die Identität der Kutschen und Schlitten entsteht hauptsächlich durch das Anspannen mit Pferden, die Bewegung und das Fahren. Das „Hands-On“ ermöglichte mir eine Art Ersatz für die Ausgrabungen. Aus der aktiven Auseinandersetzung, verknüpft mit meinen Recherchen, ergaben sich neue Möglichkeiten. Meine Forschungen kombinierte ich mit dem Praktischen. Dies führte zu meinen Publikationen zur Geschichte der Kutschen und Fahrkunst in Basel, Schweiz und Europa.


5. Wie und wo sehen Sie die Zukunft der Kutschen und Schlitten (und eines Museums)?

Momentan befindet sich das Interesse am Thema an einem Tiefpunkt. Der rote Faden in die heutige Zeit ist gerissen. Deshalb ist es besonders wichtig, Vergessenes, welches sich noch in Estrichen und alten Ställen befindet, nicht wegzuwerfen, sondern zu dokumentieren. In der Forschung zu Kutschen und Schlitten besteht ein grosser Nachholbedarf. Es ist für unsere nächsten Generationen wichtig, die Materialien mit ihren Geschichten festzuhalten und vor dem Vergessen zu retten. Dabei sind die digitalen Möglichkeiten ein Gewinn, denn sie schaffen neue Zugänge. Übers Internet können wir Geschichte teilen, uns gleichzeitig aber auch mit Menschen austauschen. Das ist ein wichtiger Kanal, um Wissen zu sammeln und es in die Forschungsarbeit zu integrieren. Die Suche nach Erinnerungen, Zeugen und Dokumenten muss weitergehen. Die Forschung ist die beste Basis für die lebendige Vermittlung des Kulturgutes. Basel war um 1900 für die schönsten Equipagen der Schweiz bekannt; ich hoffe, es wird sich wieder ein öffentlich zugänglicher Ort für die einstmals so geschätzten „Chaisen“ finden. 

Das Opens internal link in current windowMuseum für Pferdestärken in Brüglingen ist noch bis zum 25. September 2016 geöffnet.

Weitere Blogbeiträge der Blogserie zum Museum für Pferdestärken: "Opens external link in new window5 Fragen an Eduard J. Belser" (2/4), "5 Fragen an Johanna Stammler" (3/4) & "Opens external link in new window5 Fragen an Nicolas Lüscher" (4/4).

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